"Fremd im eigenen Land": INTERVIEWS
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Ich heisse Akir. Ich bin Deutscher und wohne in Berlin, wo die meisten türkischen Migranten wohnen. Mein Stadtteil heißt Kreuzberg. Mein Großvater kam im Jahre 1961 als erstes Familienmitglied in die BRD. Damals wurde gerade die Mauer zwischen Ost- und West-Berlin errichtet und es fehlte in Deutschland an Arbeitskräften. Das Land war nach dem Krieg total zerstört und mußte mit Hilfe von amerikanischen Geldern wieder aufgebaut werden. Die Bundesregierung schloß Arbeitsverträge mit Italien, Spanien, Griechenland und jetzt auch mit der Türkei ab, um ihr Land wieder aufzubauen. Es ergab sich daraus das berühmte deutsche Wirtschaftswunder, von dem alle profitierten. Wir wurden Gastarbeiter genannt und sollten nach einigen Jahren wieder zurück in die Heimat reisen. Viele Ausländer sparten ihr Geld und zogen nach zwei, drei Jahren wieder in ihr Heimatland zurück. Mein Großvater aber war einer von den vielen, die sich in Deutschland niederließen und es ihre neue Heimat machten. Er lebte lange Zeit in Wohnheimen. Das waren ganz karge, erbärmliche Wohneinrichtungen für Gastarbeiter, in denen man ganz abgesondert von den anderen Einwohnern der BRD lebte, und die "Knochenarbeit" für den Wiederaufbau des zertrümmerten Landes verrichteten. Dies geschah hauptsächlich in Stahlwerken, im Bergbau, auf Werften und in der Metallverarbeitung.

Aber mit dem Jahre 1973 war das deutsche Wirtschaftswunder endgültig vorbei. Die Regierung verhängte den Anwerbestop. Weil Türken nicht EG-Bürger waren, mußten sie sich zwischen Deutschland und der Türkei entscheiden. Die Perspektive in der Heimat sah aber nicht rosig aus und mein Opa entschloß sich in der BRD zu bleiben und holte seine Frau aus der der Hauptstadt Ankara zu sich. Mitte der siebziger Jahre wurden die ersten Türkenkinder in Deutschland geboren, unter ihnen auch mein Vater und seine Schwester. Während meine Großeltern sich oft nach der Heimat sehnten, war das für meinen Vater nur eine Traumvorstellung, da er die Heimat seiner Eltern nur aus Erzählungen kannte.

Mein Vater und seine Schwester wuchsen im deutschen Schulsystem auf und lernten natürlich fließend Deutsch. Aber im Laufe der achtziger Jahre entstanden die ersten Skinheadgruppen und die Ausländerfeindlichkeit wurde spürbar. Nach dem Fall der Mauer (zwischen 1989 und 1993 z. B.) wurden fast 3000 Anschläge auf türkische Heime und Wohnungen verübt. 30 Menschen starben und im Mai 1993 verbrannten 5 Türkinnen in ihrem Haus in Solingen.

Heute sind 50% aller Türken in Deutschland unter 25 Jahre alt, und auch ich gehöre dazu. Wir alle sprechen einwandfreies Deutsch und ich habe sogar die deutsche Staatsangehörigkeit, was mir aber nicht viel nützt, denn ich werde doch meistens wie ein Ausländer behandelt. Aber wir sind weder "echte " Deutsche noch "echte" Türken und gehören zu einer neuen "echt" türkisch-deutschen Kultur. Wir sind sehr vom deutschen Denken und Fühlen geprägt und erfinden jetzt unsere eigene deutsch-türkische Literatur, Musik, und Kunst, die unsere deutsch-türkischen Lebensgefühle wiederspiegeln.

Wir sind in vielen Berufen tätig und haben unsere eigenen Cafes, Lebensmittelläden und Textilwarenhändel. Wir sind selbständig, selbstsicher und stolz und bestehen auf unsere Rechte, die wir uns schwer erarbeitet haben. Leider ist mit dem Fall der Mauer die Zahl der Arbeitslosen gestiegen und oft werden wir zum Opfer dieser Wirtschaftskrise. Die Arbeitslosigkeit ist bei uns doppelt so hoch wie bei den einheimischen Deutschen. Wir fühlen uns wie Bürger zweiter Klasse und drücken unseren Minderheitenstatus mit Hip-Hop-Musik und Rap-Musik aus. Wir müssen täglich viele Schikanen und Unverschämtheiten der Deutschen und der deutschen Behörden erdulden und müssen uns selbst vor Angriffen verteidigen, da wir uns nicht auf die Hilfe der Polizei verlassen können. Die Menschen sollten nach ihrem Charakter und nicht nach ihrer Hautfarbe beurteilt werden. Wir werden uns nur verstehen können, wenn wir die Vorurteile und Feindseligkeiten mit Offenheit diskutieren, denn nur dann kann es zum gegenseitigen Verständnis führen.

Page updated and maintained by Donna C. Van Handle.   Last modified on July 29, 2003.