| THEATERSTÜCK
von den StudentInnen in Deutsch 211 Dozentin & Regisseurin: Donna Van Handle; Assistentin & Regisassistenz: Kati Reusche DIE PERSONEN Erzähler (Szene 1): Burcin Alici Erzähler (Szene 2): Denis Davydov Erzähler (Szene 3): Natacha Madaule Nina (Gymnasiastin): Melissa Miller Mathilde (Ninas Mutter): Sarah Matulis Oma (Mathildes Mutter und Ninas Oma): Sylwia Wasiak-Rakowska Anja: (Ninas jüngere Schwester): Alisha Biser Silke: (Ninas jüngere Schwester): Aminata Wane Franz (Mathildes Freund): Denis Davydov Julia (Ninas Freundin): Pavlina Jeleva |
| SZENE
1
ERZÄHLER (trägt
Plakat, auf dem "SZENE 1" steht): Die Familie Schröder scheint
eine glückliche Familie zu sein, aber wenn man genauer hinsieht,
hat sie Probleme wie jede andere Familie. Die Mutter, Mathilde,
ist Sachbearbeiterin. Die Tochter, Nina, besucht das Gymnasium und spielt
Handball. Die zwei jüngeren Töchter gehen in den Kindergarten.
(Telefon klingelt) NINA: Ja, Nina Schröder. JULIA: Hallo, Nina. Ich bin's, Julia. Was gibt's Neues? NINA: Nichts. Ich decke gerade den Tisch. JULIA: Ich wollte dich fragen, ob du am Freitag auf die Party gehst. NINA: Ja, klar! Ich freue mich irre drauf! Weisst du, ob Thomas auch kommt? JULIA: Ja, ich hab' ihn heute gesehen und er fragte nach dir. Du mußt unbedingt kommen! NINA: Das hört sich gut an, aber ich muss zuerst mit meiner Mutter reden. Ich sage dir dann Bescheid. Ich muss jetzt Schluss machen. JULIA: Tschüss dann. Wir sehen uns morgen. (Nach dem Gespräch mit Julia treten die zwei jüngeren Schwestern auf) ANJA: Nina, wann essen wir? SILKE: Ja, wir haben Hunger! NINA: Gleich, gleich! Geht doch schnell die Hände waschen. Hoffentlich kommt Mutti bald nach Hause. (Ein paar Minuten später kommen die Kinder zurück. Nina und die Kinder setzen sich.) ANJA: Wo ist Mutti? Wann kommt sie denn endlich? SILKE: Wir haben Hunger, wir haben Hunger, wir haben Hun...! (trommelt mit dem Messer und der Gabel) NINA: Hör auf damit, Silke! Ich weiss nicht, wo Mutti ist. Sie sagte heute Morgen, sie kommt um 7 zurück, aber es ist schon halb 8. ANJA: Vielleicht ist sie bei ihrem Freund (kichert) NINA: (leise) Sie ist wie meine Tochter und ich bin wie ihre Mutter. (Zu Anja und Silke) Sollen wir jetzt essen? SILKE: Aber Mutti hat gesagt, dass sie uns heute Abend “Schneewittchen” vorliest! ANJA (weinerlich): Ich hab' heute in der Schule ein Bild gemalt. Ich will es Mutti heute Abend zeigen. NINA: Kommt, ich lese euch etwas vor. Anja, du kannst Mutti dein Bild morgen zeigen. (Nina räumt den Tisch langsam ab und geht nach oben. Sie liest den Kindern eine Geschichte vor. Mathilde und Franz treten auf. Mathilde geht ins Schlafzimmer um die Kinder zu sehen.) MATHILDE: Ach, meine lieben Töchter. Ihr seid schon im Bett. Habt ihr eure Hausaufgaben gemacht? NINA: Mutti, du wolltest um 7 nach Hause kommen. Morgen habe ich eine Klausur und muss heute Abend noch lernen. Wo warst du denn so lange? MATHILDE: Sei mir nicht böse, Kind! Ich bin mit Franz tanzen gegangen. SILKE: Mutti, wir haben auf dich gewartet. Lies uns doch eine Geschichte vor! MATHILDE: Tut mir Leid, ihr Süßen. Leider geht das heute nicht. Morgen werde ich das machen. Ich versprech's euch. ANJA: Das hast du gestern auch gesagt. MATHILDE: Morgen, ja? Aber jetzt müßt ihr schlafen gehen. Gebt mir ein paar Gute Nacht Küßchen! Nina, komm mit. Ich will, dass du Franz kennen lernst. Er ist unten in der Küche. (Nina und Mathilde gehen in die Küche.) FRANZ: Guten Abend. Ach, du bist die Nina. (Sie schütteln sich die Hände) Deine Mutter hat schon viel von dir erzählt. MATHILDE: Franz, erzähl Nina über unsere Pläne fürs Wochenende! FRANZ: Ja, wir wollen in die Schweiz--Schifahren, weisst du! Ich habe Freunde, die ein schönes Haus in den Alpen haben. Sie haben uns fürs Wochenende eingeladen. MATHILDE: (schaut Franz an) Ich freue mich so sehr auf dieses Wochenende! FRANZ: Mathilde, ich warte im Auto. (Franz tritt ab) MATHILDE (zu Nina): Ich bin so froh, dass du hier bist. Du kannst dich um die Kinder kümmern, oder? NINA: Aber Mutti!!! Ich will am Freitag zur Party! Alle meine Freunde und Thomas sind da! MATHILDE: Aber doch nicht am kommenden Wochenende! Wer passt auf Anja und Silke auf? Du bist die ältere Schwester! Es ist deine Pflicht!! NINA: MEINE Pflicht? Die sind meine Schwestern, nicht meine Töchter. Du bist die Mutter, nicht ich! MATHILDE: Wie kannst du so undankbar sein? Ich arbeite den ganzen Tag und verdiene das Geld, damit ihr genug zu essen und Kleider zu tragen habt! NINA: Aber ich bin diejenige, die einkaufen geht!! Ich koche und putze. Meine Freundinnen müssen das nicht machen. Sie gehen tanzen und zu Partys. Ich bin die einzige, die immer zu Hause bleiben muss und auf meine Geschwister aufpassen. MATHILDE: Schatz, du regst dich zu sehr auf! Es ist nur dieses eine Mal. Franz hat die Reise geplant und die Bahnkarten schon gekauft. Ich will ihn nicht enttäuschen. NINA: Aber ich habe auch Pläne! Ich habe Julia gesagt, dass ich zur Party komme. Was mache ich jetzt? Es ist unfair. Ich muss immer zu Hause bleiben, und du gehst essen, tanzen... Du denkst nur an Franz und was er will, nicht an uns! Du behandelst mich wie eine Kinderfrau oder Haushälterin. Warum soll ich dich wie eine Mutter behandeln? Ich muss weg! Hier halte ich es nicht mehr aus!
(Nina verlässt das
Zimmer. Sie geht nach oben um einen Pulli zu suchen.)
ERZÄHLER (trägt Plakat, auf dem "SZENE 2" steht): Nina ist in Mathildes Schlafzimmer. Sie sucht einen Pullover und findet das alte Tagebuch ihrer Mutter. Sie liest eine Seite und entscheidet sich dann ihre Großmutter zu besuchen. NINA: Es ist mir zu kalt. Ich brauche einen Pullover. Hoffentlich hat Mutti diesen roten Pulli noch.. (Sie geht ins Schlafzimmer ihrer Mutter. Sie sucht den roten Pullover. Sie öffnet die Wandschranktür und findet ihn auf dem Schreibtisch. Auf dem Fussboden sieht sie ein kleines Buch. Sie ist neugierig und hebt es auf. Sie entdeckt, dass es das alte Tagebuch ihrer Mutter ist. Sie fängt an das Tagebuch zu lesen.) NINA: „Liebes Tagebuch, es ist Mittwoch. Ich bin stinksauer auf Mutti. Ich spielte die Hauptrolle in unserem Theaterstück in der Schule. Ich war richtig gut. Aber ich konnte mich gar nicht richtig freuen. Mutti hatte mir versprochen, zu einer der Vorstellungen zu kommen, aber sie kam nicht. Sie hat mich wieder hängenlassen. War ja klar! Immer vergisst sie alles. Warum hätte es diesmal anders sein sollen? Als ich später nach Hause kam, fand ich sie in ihrem Atelier beim Malen. Das war ihr wichtiger. Ich wollte nur noch weg uns nie mehr wiederkommen. Ich traf mich mit Freunden, und sie haben mir Grass angeboten. Ich hab's einfach genommen, um alles zu vergessen. (Mutti hätte eine Wut, wenn sie das wüsste.) Ich fühlte mich ein bisschen komisch und plötzlich hatte ich Riesenhunger, aber keine Kohle. Ich hab' dann einfach ein Stück Schokolade geklaut - bei der Tankstelle in der Nähe. Ein Polizist hat mich dabei erwischt. Er rief Mutti an und fuhr mich nach Hause. Ich weiss nicht mehr, was danach passierte. Ich ging sofort ins Bett und schlief ein. Als ich aufwachte, war Mutti in meinem Zimmer. Sie fragte mich, was ich mir dabei gedacht hätte. Ich erklärte ihr, 'Klauen wollte ich die Schokolade nicht, ich hatte aber solchen Appetit drauf ...' Mutti hat überhaupt nicht kapiert, warum ich so sauer auf sie war! Ich sagte ihr, dass sie mich schon wieder im Stich gelassen hat -- wie jedesmal. Sie fing an zu weinen und meinte, sie wollte ja nur ein bisschen an ihrem Gemälde arbeiten und da ist die Zeit einfach verflogen. Ja, ich kenne diese blöden Ausreden und Entschuldigungen zur Genüge! Ich erklärte ihr, wie wichtig es mir gewesen war, dass sie kommt - sie hätte es schliesslich versprochen... ich kann's hier nicht mehr aushalten. Entweder ist es ihr egal, was ich mache, oder sie lässt mich nicht in Ruhe! Ich muss weg!!" NINA: Und wie geht es weiter...? MATHILDE: Was machst du, Nina? NINA (verlegen): Nichts. MATHILDE: Was???!!! Du hast mein Tagebuch gefunden?! Du hast es aber nicht gelesen, oder? (Nina läuft aus
dem Zimmer) SZENE 3 ERZÄHLER (trägt Plakat, auf dem "SZENE 3" steht): Mathilde sucht Nina aber findet sie nicht. Dann ruft sie ihre Mutter, Ninas Oma, an und fragt, ob Nina bei ihr ist. MATHILDE: Hallo, Mutter! OMA (überrascht): Mathilde? MATHILDE: Entschuldige, dass ich dich störe. Ich suche Nina. Ist sie bei dir? OMA: Nein. Was ist los? Ist was passiert? MATHILDE (kalt und gleichgültig): Nichts. Aber ... ich weiß nicht, wo Nina hin ist. Ich habe ihre Freundin Julia angerufen, aber sie hat Nina heute nicht gesehen. Dann bin ich zum Café Casablanca gefahren. Sie geht doch immer mit ihren Freunden hin. Aber da war sie auch nicht. (Pause) Ruf mich bitte an, wenn sie sich bei dir meldet. ERZÄHLER: Mathilde hängt auf und Oma ist verwirrt. Seit Silkes Geburt hat sie nicht mehr mit ihrer Tochter Mathilde gesprochen. Es gibt böses Blut, weil Oma damals nicht zum Krankenhaus kam. Sie hatte eine Kunstausstellung. Die Beziehung zwischen Mutter und Tochter hat sich immer mehr verschlechtert. Mathilde fühlte sich verlassen. Oma versuchte den Kontakt wieder herzustellen, aber ohne Erfolg. (PAUSE) Nina hat Mathildes Tagebuch gelesen und weiß nicht, was sie davon halten soll. Plötzlich denkt sie an ihre Großmutter und entscheidet sich ihre Oma zu besuchen. Sie fährt mit dem Zug hin. Während sie die hübsche Landschaft durch das Fenster anschaut, denkt sie an ihre Großmutter. Sie versteht jetzt, warum ihre Oma auf dem Land leben will; es ist so ruhig und friedlich. Draussen sieht es aus wie in den Gemälden ihrer Großmutter. NINA (weinend): Grüß dich, Oma. OMA: Na...wie geht es dir, meine Liebe? Was ist denn los? Du hast Tränen in den Augen. Deine Mutter hat gerade angerufen. Sie sucht dich. NINA: Was? Wirklich?... (seufzend) Ich habe mich mit Mutti gestritten. Wie immer muss ich mich um Silke und Anja kümmern, wenn Mutti mit Franz verabredet ist. Und dann hab’ ich Muttis altes Tagebuch gefunden. Ich hab's gelesen. (umarmt--weinend--ihre Großmutter) Oma, was soll ich machen? OMA: Ein Tagebuch? Deine Mutter hatte ein Tagebuch!!?? Das wußte ich nicht. (ans Publikum) Tja, ich kannte und kenne meine eigene Tochter nicht. Unsere Beziehung war ja auch immer kompliziert...es gab immer Probleme zwischen uns. (Pause, Oma seufzt und wendet sich Nina wieder zu) Komm doch, Kleine, setz dich neben mich. Willst du ein Stück Kuchen? Eine Tasse Tee oder heiße Schokolade? NINA: Tee, bitte. Oma, du bist so lieb zu mir. (Oma geht in die Küche und kommt mit Tee und Kuchen zurück; stellt sie auf den Tisch.) OMA: Bitte schön. Hoffentlich schmeckt's dir! (Oma nimmt ihre Arbeit am Gemälde wieder auf. Nina schaut zu, während sie den Tee trinkt und den Kuchen ißt.) NINA: Oma, was malst du? (sie geht ans Gemälde) OMA: Siehst du diese Frau? NINA: Mm, ja. OMA: Das bin ich. Diese Frau im Gemälde--ICH--habe gerade entdeckt, dass sie die andere, gesichtslose Figur--DEINE MUTTER--gekränkt hat. Als deine Mutter jung war, habe ich mich zu sehr mit der Malerei, meiner Leidenschaft, beschäftigt. Manchmal habe ich mich wochenlang in meinem Atelier aufgehalten, besonders nach Opas Tod. Ich malte um mich zu beruhigen. Ich kam nur ganz selten aus dem Atelier heraus. Nur wenn ich keine Ideen hatte, ließ ich meine Arbeit liegen und kümmerte mich wieder um deine Mutter--manchmal zu viel. Eines Tages konnte deine Mutter, die ihren siebzehnten Geburtstag gerade gefeiert hatte, diese Situation nicht mehr aushalten. Sie sagte mir, dass es ihr zu viel war. Ich weiß noch, was sie mir gesagt hat: „Entweder ist es dir egal, was ich mache, oder du läßt mich nicht in Ruhe!" Es war mir dann zum ersten Mal klar, dass ich meine Tochter vernachlässigt hatte. Später kam ich nicht zum Krankenhaus, als deine Schwester auf die Welt kam. Ich versuche seit Jahren alles wiedergutzumachen, aber es ist zu spät... ERZÄHLER: Oma ruft Mathilde an. (Im Hintergrund sieht man die Oma und Mathilde, die ans Telefon geht. Sie scheinen miteinander zu sprechen) ERZÄHLER: (ans Publikum) Was meint ihr? Was passiert mit Nina und Mathilde? Was soll passieren? (Pause) Na ja, so ist das Leben...C’est la vie! (Silke tritt auf und trägt ein Plakat, auf dem "ENDE?" geschrieben ist. Sie dreht es um. Auf der anderen Seite ist "C’est la vie" geschrieben.) |