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Die Legende von Paul und Paula:
Ein Kritischer BlickEs ist fast unmöglich zu bestimmen, zu welcher Gattung- Sozialkritik oder Liebesgeschichte- der auf Plenzdorfs Buch gegründeten Film 'Die Legende von Paul und Paula' gehört. Selbst der Regisseur, Heiner Carow, betont verschiedene Aspekte des Filmes. Auf der einen Seite sagt er Folgendes: "Es gilt auch, ueberkommene Lebensformen in die Luft zu sprengen. Mit dem Aufbauen neuer Häuser gibt es noch keine neuen menschlichen Beziehungen. In einen Neubau zu ziehen bedeutet noch nicht, sozialistische Verhaltensweisen anzunehmen." (Die DEFA-Sammlung der Mediothek in der Universitaet Oldenburg). Auf der anderen Seite verteidigt Carow mit der gleichen Überzeugungskraft fast eine gegensätzliche These: "Mein Thema ist die Liebe. Die Liebe - so sagt man - beflügelt die Menschen, macht sie schöpferisch, phantasievoll, menschlich und freundlich." Es ist kein Wunder, dass die Frankfurter Rundschau im April. 1973 den Film ein „Liebsegeschichte" nennt.
Was liegt "Der Legende" zugrunde- eine die Realitaet verschönende Geschichte oder eine rebellierende Aussage mit emotionellen Untertönen? Wenn man sich von den kategorisierenden Bestrebungen jeder Analyse befreit, kommt man zum Schluss, dass Carows Aussagen nicht ganz zu vereinen sind und dass genau in der Vereinigung der Gegensaetze die Tiefe des Filmes liegt. Die Beziehung zwischen der Umgebung und der Mentalität der Menschen, der sich im Umgang mit dieser Umgebung befinden, zeigt eine gewisse Vieldeutigkeit.
Paul ist ein Produkt der sozialistischen „Neubaukultur", wie sie Carow wahrscheinlich bezeichnen würde. Pauls Mittelmässigkeit, die für ein DDR- Durchschnittbürger typisch ist, wird auf mehrere Weisen betont- er wählt seine Frau, die Tochter eines Schiessbudenbesitzers, nach einem seine Spiessigkeit verkörpernden Kriterium aus: Sie ist blond, sehr hübsch, und ihre Dummheit hat keine Grenzen. Ihre Eltern beschäftigen sich mit Betrug, indem sie Geld von ihren Kunden stehlen, schimpfen mit ihrem Stiefsohn, und die Tochter, auch schön aber dumm, bricht wegen der geringsten Vorfälle in Tränen aus. Aber sie sieht bezaubernd genug aus, um Pauls Kollegen auf einem Feier seiner Firma zu entzücken und ihm Ansehen in der beruflichen Gesellschaft zu verschaffen. Paul strebt danach, seine Familie finanziell zu versorgen, damit sie in einen anderen Neubau ziehen kann. Er will auch ein Fahrrad für seinen Sohn kaufen und seine Ehefrau mit Schmuck versehen, damit sie noch mehr Aufsehen erregt. Das Leben eines solchen Spiessers überhäuft Paula.
Im Gegenteil zu Pauls Leben, weist Paulas Vergangenheit alle Merkmale eines Menschen auf, der sich wenig um die Anforderungen der Gesellschaft kümmert. Sie hat zwei uneheliche Kinder mit verschiedenen Vätern, arbeitet in der Flaschenrückgabe eines Getränkemarktes , wo sie den ganzen Tag von betrunkenen Arbeitern angesprochen wird, und sammelt Kohl, in der Nähe eines Kinos, wo sie schweren Herzens mehrere Verliebte beobachten kann. Nachts trinkt Paula Alkohol und träumt von der grossen Liebe.
Mehrere Kritiker wurden dazu verlockt, "Die Legende" als einen Film über Paula, insbesondere über die Liebe, welche Paulas Persönlichkeit symbolisiert, zu betrachten. Meiner Meinung nach aber soll der Schwerpunkt auf Paul gesetzt werden, der sich aufgrund dieser Liebe verändert. Wenn der Film hauptsächlich um Paula ginge, dann stellte der Film eine typische Liebesgeschichte dar, die sonst im Genre des Märchens angesiedelt ist. Wenn es aber um Paul geht, dann verwandelt sich der Film von einer „Liebsegeschichte" in ein philosophisches Traktat, das erzählt, wie das existentielle Sein den Alltag beeinflussen und definieren kann.
Die Verwandlung Pauls von einem Spiesser, der sich ausschliesslich auf sein Arbeitsprojekt konzentriert und Paula eine unverbindliche Freundschaft vorschlägt, in einen Mann, dessen Liebe ihn dazu bringt, seine Tage und Nächte vor Paulas Wohnung zu verbringen und Karriere und Familie zu vernachlässigen, um seine Geliebte zurückzugewinnen, sollte im Vordergrund stehen. Das bedeutet nicht unbedingt, dass Paul das einzige Beispiel der Korrelation zwischen dem sozialistischem Realismus und der entsprechenden Mentalitaet ist. Paula, die die Verkörperung des freien Menschen im Sozialismus ist, macht auch Kompromisse mit ihrer Freiheit, um praktisch zu überleben, z. B. sie sieht sich dazu gedrängt, einen höchst unattraktiven alten Mann zu heiraten, damit sie ihre Kinder versorgen kann. Daran sehen Plenzdorf und Carow, wie der Mangel an ausreichenden Existenzmitteln sogar eine starke Persönlichkeit dazu bringt, Kompromissen mit sich zu schliessen.
War die DDR ein Land, das zum Scheitern verurteilt war?
Es stellt sich die logische Frage, ob der Film die Grenzen behandelt, die den Alltag im Grossen und Ganzem aufzeigt, oder geht es um die Grenzen die typisch im Sozialismus sind. Ohne Zweifel gibt es in "Die Legende" Elemente, die auf spezifische sozialistische Lebensweisen verweisen: die Plattenbauen, die nur in der DDR zu finden waren, die Tatsache, dass Paula einer schweren physischen Arbeit nachgehen muss, und die Schlangen im Supermarkt sind nur ein paar Beispiele des DDR-Alltags im Film. Man kann eine gewisse Korrelation zwischen der sozialistischen Umgebung und der Primitivität der in dieser Umgebung wohnenden Menschen registrieren. Es scheint mir, dass die Ausdrucksfähigkeiten der Menschen begrenzt sind, sie schweigen, ihre Gesten sind übertrieben und grob. Zum allgemeinen Eindruck der Primitivität der Umgebung tragen die Vorfälle um den Tod von Paulas Kind und später um Paulas eigenen Tod bei.
Wenn man die politischen Anspielungen im Film in Betracht zieht, scheint es fast ein Wunder, dass der Film überhaupt für das Kino zugelassen wurde. Zum Glück erfolgte "das 9. ZK-Plenum mit seinen Kulturattacken knapp vier Wochen" nach der Premiere (Wischnewski, Seite 248, DEFA Spielfilme 1946-1992, Berlin 1992). Wahrscheinlich überlebt "Die Legende" die genaue Untersuchung des Plenums dank seiner phantastischen Elemente, die weniger die grausame Wirklichkeit als deren Überwindung betonen. Insofern diese Interpretation stimmt und "Die Legende" als ein phantasievoller Film mit realistischen Elementen betrachtet wird, bestätigt "Die Legende" die Hypothese, dass die DDR nicht zum Scheitern verurteilt gewesen sei, da es auch Platz für Träume gegeben habe.
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Auch eröffnet der Film ein grosses Interpretationsfeld hinsichtlich der Frauen und feministischen Interpretationen. Es wurde gezeigt, dass "women are perceived to have more rigorous expriences of life and and expectations of their partners, resulting in dramatic conflicts that make women more powerful protagonists than their male counterparts. In most films there seems to be a binary opposition of male and female qualities, in which the male stands for external authority, the public sphere, stability and stagnation, entrapment and denial, whereas the female stands for a more valuable interior psychic reality, spontaneity and openness, indulgence and emotional excess" (Rinke, Seite 216, Triangular Visions, State University of New York Press, 1998). In diesem Sinn verdient 'Die Legende' Ansehen für ihre umfassende und manchmal widersprüchliche Darstellung des Sozialistischen Realismus. Auf der einen Seite wird die Primitivität der Mentalität, die die Realität verursacht, kritisiert. Gleichzeitig wird die positive Seite der Lebensschwierigkeiten des Lebens gezeigt, da sie Paula und Paul dazu auffordern, ihre alltägliche Existenz zu überwinden. |
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