Fast
jede Tat Sunnys bestätigt ihren vielleicht unbewussten Trieb danach,
in sich selbst diese Wirklichkeit zu überwinden. Daraus besteht der
Hauptunterschied zwischen Sunny auf der einen Seite und ihren Kollegen
und paar Freunden auf der anderen Seite. Während ihre Kollegen dem
Leiter der Band gehorchen, und einer sogar von seiner Frau prügeln
lässt, und ihre Freundin die mechanische Arbeit in dem Betrieb ihr
ganzes Leben ausführen wird, akzeptiert Solo keine geistige Sklaverei.
Ihre Liebe für Ralph ist auch eine Flucht aus der Sklaverei. Wenn
sie Ralph trifft, verliebt sie sich in ihn, weil er die Verbindung mit
dieser geistigen Welt verkörpert - einer Welt, die sich sehr von der
dunklen Lokalen ohne Toiletten unterscheidet. Gemäss Ralphs Worten
hat er die Möglichkeit eines lukrativen Jobs aufgegeben, damit er
sich der Philosophie widmen könne. In diesem Sinn erscheint er als
das glatte Gegenteil zu den bösen und arroganten Typen, die Sunny
in den Bars grob anmachen. Diese Männer sprechen wenig, weil sie wenig
zu sagen haben, während Ralph der einzige ist, der Bücher liest.
Seine Freude am Lesen gleicht ihrer Zuneigung zu der Welt der Musik. Ihre
Liebe zielt darauf ab, die Einschränkungen ihrer unmusikalischen,
fast stillen Welt zu überspringen. Genau aus diesem Grund streicht
sie insgeheim die Wände in Ralphs Zimmer, als ob diese Farben die
Welt verändern könnten.
Sunnys
Flucht aus dem Betrieb war wohl ein anderer Versuch, das Emotionale, d.
h. das Unpraktische und das Ideale, im Trivialen zu finden. Im Gegensatz
zu ihrer einzigen Freundin, die noch im Betrieb arbeitet, kann Sunny sich
nicht die ganze Zeit über eine Nähmaschine beugen. Der obligatorische
Betriebsschurz verrät ein Gefühl von Eintönigkeit, die nicht
zu Sunnys Weltanschauung passt. Obwohl das sozialistische Element in dem
Film nicht stark ausgeprägt ist, sieht es so aus, als ob die mechanistische
Arbeit im Betrieb eine Annährung der Arbeiter verhindert, wobei man
künstliche Mittel wie die Partei und die Parteiversammlung braucht,
um sie wieder zusammenzubringen.
Für
Sunny gilt die Musik als eines dieser Mittel. Sie vertraut den Worten als
solchen offensichtlich nicht ganz. Wie schon oben erwähnt, ausser
Ralph sprechen die Menschen in ihrer Umgebung selten, als ob das ausgesprochene
Wort ihre Kraft verloren hätte. Da das Sprechen machtlos scheint,
gibt sich Sunny der Musik hin. Ihre wichtigste Frage ist, ob sie gut singe,
und die grösste Beleidigung, die sie von einem von ihr enttäuschten
Mann erhält, ist, dass sie diese Kunst höchst unzureichend ausübt.
Wenn sie die ausdruckslosen Gesichter der Besucher in der jeweiligen Kneipe
sieht, hört sie auf zu singen. Der Sinn ihres Lieds ist Sich - Mitteilen,
aber ihr zuhören will niemand.
Ein
anderes Aspekt der Filminterpretation ist das Unabhängigkeitsmodell
der DDR- Frau. Sunny macht es am Anfang klar, dass sie schläft, mit
wem sie will. Nicht zufälligerweise endet der Film mit den gleichen
Worten- "Ich bin Sunny, ich bin Sängerin, und ich schlafe, mit wem
ich will." Sie besuchen die Männer, die sie wählt, trotz der
Proteste der Nachbarn. Darüber hinaus heiratet sie auch, wen sie will.
Trotz ehtlicher Versuche eines Taxifahrers sie als Ehefrau zu gewinnen,
ergibt sich Sunny der Routine des Lebens nicht- sie braucht keinen mittelmässigen
Mann, der sich um sie kümmert. Es bedarf einer gewissen Unabhängigkeit,
damit eine Frau auf die Sicherheit einer ansonsten langweiligen Beziehung
verzichtet. Eine ähnliche Lebenswahl trifft auch Paula in dem Film
"Paul und Paula."
Paula
ist auch eine alleinerziehende Mutter, die nicht dazu geneigt ist, ihre
Sicherheit in einer langweiligen Ehe mit einem alten, hässligen Mann
mit ihrer Freiheit zu bezahlen. Der Mut der Frau wird in "Solo Sunny" durch
die schöne Freundschaft mit ihrer Freundin aus dem Betrieb ergänzt.
Es besteht eine gewisse Solidarität zwischen den Frauen, damit sie
zusammen das leisten können, was die Gesellschaft sie nicht allein
leisten lässt.
Um
alle diese Ausdrücke von Sunnys Trieben zu verstärken und zu
vereinigen, benutzt der Regisseur, Konrad Wolf, die Metapher der vorbeirasenden
S-Bahn. Ralph und Sunny wohnen in verschiedenen Stadtteilen Ostberlins,
und Sunny fährt ift mit der S-Bahn zu ihm. Diese S-Bahn symbolisiert
diesen unaufhaltsamen Trieb, durch das Leben zu gehen, aber nicht langsam
und aufmerksam, sondern schnell und aufgeregt. Graphisch gesehen teilt
das Gleis auch das Feld der Möglichkeiten in entzwei, und so bleiben
Realität und Traum hoffnungslos getrennt. Die Unmöglichkeit der
Selbstverwirklichung zeigt sich in dem Kosenamen Sunnys- Solo Sunny, d.h.
ein einsames Wesen, das die sehr schwere Aufgabe, den Himmel zu erreichen,
d.h. wie eine Sonne sich über die Wirklichkeit zu erhöhen, alleine
zur Erfueüllung bringen muss.
War
die DDR ein Land, das zum Scheitern verurteilt war?
Nachdem
die Charakteristika der Umgebung und Sunnys Umgang damit analysiert wurde,
erfolgt die logische Frage, ob die Umgebung auf Sunny so wirkte, weil sie
sozialistisch war, und vor allem, ob diese Umgebung die DDR unvermeidlich
zum Scheitern brachte. Es ist natürlich schwer zu verallgemeinen,
dass alle bis jetzt beschriebenen Merkmale typisch für den Sozialismus
sind. Genauso schwer ist es zu verallgemeinern, ob Sunny versucht, Selbstmord
zu begehen, weil sie eine Frau ist, oder weil sie eine Frau ist, die
in der DDR lebt. Man könnte einfach nicht darauf bestehen, dass
alle Frauen überemotional sind, dass alle Künstler selbstmörderisch
sind, und dass alle DDR-Bürger es schwer hatten.
Man
kann aber auf einige wesentliche Merkmale hinweisen, die bestätigen,
dass Sunny eine Ausnahme sei, und dass ihr Traum keine grosse Chance der
Verwirklichung in der sozialistischen Wirklichkeit hat. Ein Beispiel, dass
Sunny unverstanden bleibt, sieht man im Verhalten der Kneipebesucher, im
verächtlichen Benehmen der Nachbarn, anhand der Gleichgültigkeit
Ralphs, oder im demütigenden Verhalten des Bandleiters. Es ist klar,
wenn Sunnys Traum die Ausnahme und die Verachtung das Sein ist, repräsentiert
der Film eine Wirklichkeit, die zum Scheitern verurteilt ist. Die Tatsache,
dass diese Wirklichkeit auch kaum Platz für eine Kämpferin wie
Solo Sunny birgt, bedeutet nicht, dass es an dem System liegt, starke Persönlichkeiten
zu erziehen. Ganz im Gegenteil- man gelangt zu dem Eindruck, dass statt
Stärke zu inspirieren, setzt die Umgebung Stärke voraus. Deswegen
sind Künstler oder selbst Träumer in dem Land DDR nicht gefördert,
und deren Träume eine Notlösung bestehen, die die letzten Möglichkeiten
zum überleben anbieten.