Die Jugendpolitik


Ein Verständnis der Opposition und Jugendproteste in der DDR der 70er Jahre ergibt sich erst bei der Untersuchung der "Jugendpolitik" der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) zu dieser Zeit. Innerhalb des politischen und kulturellen Milieus dieses "Arbeiter- und Bauernstaats" existierte eine bestimmte Einstellung zu den jungen Menschen, die in der Zukunft die politische Ideologien und Ziele der leitenden Generation verewigen und ausführen sollten. Bühler erklärt: "die Jugendpolitik war in der DDR zu allen Zeiten besonders wichtig, sie war ein fester Bestandteil der DDR-Sozialpolitik. Es existierte ein spezielles Jugendgesetz 'über die Teilnahme der Jugend an der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft und ihre allseitige Förderung'(11)."

Das wichtigste "Erziehungsziel" der SED war bekanntlich die Erziehung der Jugendlichen zu "sozialistischen Persönlichkeiten." "Diese kennzeichnet der Staat durch folgende Attribute: höhere Bildung, Liebe zur Arbeit und zum arbeitenden Menschen, Fleiß, Treue zu den sozialistischen Idealen und Disziplin" (Müller). Diese sozialistische Persönlichkeit verkörpert Plenzdorfs Edgar Wibeau am Anfang der Neuen Leiden des jungen W. Es wurde verlangt, dass die Jugend in der DDR politische und gesellschaftliche Eigenschaften entwickelten, um gewisse Erfordernisse des Staates zu erfüllen, denn es wurde vorausgesetzt, "daß die Interessen der Jugend mit denen von Staat und Gesellschaft, so wie sie von der SED bestimmt [wurden], identisch" sein sollten (ibid). Es ist außerdem zu betonen, dass "dieses Jugendgesetz...für die Bevölkerungsgruppe zwischen dem 14. (dem Jahr der Jugendweihe) und dem 25. Lebensjahr [galt], dies deckte sich mit der Mitgliedschaft in der FDJ" (Bühler 11). Er fügt hinzu, dass

das Jugendalter sehr lange dauerte.... 25-jährige gelten bei uns rechtlich gesehen schon als Erwachsene. Ziel und Zweck dieser sehr speziellen Jugendpolitik war die Vorbereitung des Jugendlichen auf künftige Aufgaben und seine Integrierung in die Gesellschaft (ibid).

Um die Jugend konform zu erziehen und deren politische und soziale Interessen sozialistisch zu lenken, richtete der SED-Staat viele Institutionen im Land auf. Man behauptet sogar, dass die Jugend in der DDR "in einem starren Korsett von Institutionen [eingeengt]" wurde. Ganz abgesehen von der SED selbst, übten die Freie Deutsche Jugend (FDJ), der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund (FDGB), die Schule, der ausbildende Betrieb, staatliche Sportvereine und sicherlich auch das Elternhaus einen starken Einfluß auf das Leben der jungen Leute aus. Jugendbrigaden gab es außerdem "in fast jedem volkeigenen Betrieb, aber auch in Theatern, auf Baustellen oder bei der Post" (Bühler 11). Die FDJ spielte vor allem eine prägende politische Rolle im Leben der Jugend. Dieser "staatlich organisierte Jugendverband" wurde schließlich für die "ideologische Beeinflussung und politische Mobilisierung" der Jugend gegründet:

Diese Organisation hat klar den Auftrag seitens der 'klassenbewußte Kämpfer für den gesellschaftlichen Fortschritt heranzubilden, und dafür zu wirken, daß alle Jugendlichen die Möglichkeiten nützen, Arbeit, Studium und Freizeit, ihr gesamtes Leben sinnvoll zu nutzen, daß sie zu aktiven Erbauern und standhaften Verteidigern des Sozialismus und Kommunismus werden' (Müller).

Es ist außerdem zu berichten, dass ungefähr "2,3 Millionen junge Menschen zwischen 14 und 25 Jahren und damit mehr als zwei Drittel dieser Altersgruppe 1972 Mitglied der FDJ [waren]" (ibid). Die FDJ hatte sogar

als als Bestandteil der Einheitswahlorganisation Nationale Fronte in der Volkskammer ein festgelegtes Kontingent an Sitzen inne. 1981 waren 46 Volkskammerabgeordnete unter 25, der größte Teil von ihnen war gleichzeitig Funktionär der FDJ. Die Ausweitung des Status 'Jugendlicher' auf die 21- bis 25-jährigen bedeutete faktisch, daß auch der Entwicklung des jungen Erwachsenen eine große Bedeutung beigemessen (Bühler 11).

Während man Mitglied der FDJ auf sogenannter "freiwilliger Basis" wurde, darf man nicht vergessen, dass die Mitgliedschaft in der Regel eine Bedingung für Aufnahme in die Erweiterte Oberschule und für das Studium war. Diese Realität wurde durch Gabriela aus Kertin Hensels Tanz am Kanal dargestellt:

Ich sollte nach der achten Klasse die Erweiterte Oberschule besuchen, dann studieren. Wanzke erklärte Vater, daß es als Nicht-FDJ-Mitglied unmöglich sei. Gesellschaftliche Organisation sei Voraussetzung für ein Studium an einer sozialistischen Universität (Hensel 61).

Es heißt denn, dass die Mitgliedschaft "den sozialen und beruflichen Aufstieg in der DDR" ermöglichte. Organisationen wie die FDJ bestimmten aber nicht nur die schulische und berufliche Zukunft der Jugend, sondern sie beeinflußten auch die Freizeit der Jugendlichen. Diese Tatsache muss betont werden, damit man die Implikationen der Jugendpolitik in der DDR begreift und den Widerstand der Jugend versteht. Man muss darauf hinweisen, dass im Jugendgesetz der DDR die Förderung der geistigen so wie der körperlichen Entwicklung der Jugend detailliert vorgeschrieben wurde. "Freizeitgestaltungen jeder Art...[waren] keine Privatangelegenheiten, sondern eine gesellschaftspolitische Funktion. Die Freizeit [mußte], wie es in der DDR Verfassung heißt, 'sinnvoll und effektiv' verwendet werden" (Müller). Anders gesagt wurde die Freizeit der Jugend völlig eingeschränkt - denn die Zeit, die nicht in der Schule verbracht wurde, wurde bei staatlichen Veranstaltungen verbracht. Als Folge der politischen Ziele der SED existierte in der Tat einen Freiheitsmangel für die Jugend der DDR.

Wichtig zu erkennen ist die Reaktion der Jugend auf die staatlich bestimmte "Freizeit" und den allgemeinen Mangel an wahrer Freizeit. Es ist schließlich zu vermuten, dass die Jugend nicht direkt auf die Jugendgesetze reagierten, sondern auf die Auswirkungen solcher Politik auf ihr alltägliches Leben. Diese Auswirkungen werden hier näher besprochen.

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