Der Widerstand der Jugend


Das alltägliche Leben vieler Jugendlichen in der DDR wurde wie gesagt räumlich und geistig beschränkt. Die Mauer war für die äußerlichen Grenzen und der SED-Staat für die innerlichen Grenzen verantwortlich. Die ostdeutsche Jugend wuchs in einer Gesellschaft auf, in der ihre Rolle, Identität und Meinungen völlig vom Staat definiert werden sollten. Doch es war nicht zu übersehen, dass die Jugendlichen auf verschiedene Art und Weise gegen die politischen und sozialen Normen kämpften. Durch den Rückzug ins Private haben die Jugendlichen versucht, die politischen und sozialen Ansprüche des Staats zu entgehen. Das war etwas was als sehr radikal für eine Gesellschaft gilt, die so auf "das Soziale" fixiert war. Auf jeden Fall empfanden

viele Jugendliche die oft im politischen Sinne organisierte Freizeit, die auch zur Weiterbildung genutzt werden soll, als Fortsetzung der Lenkung und Kontrolle von Schule und Beruf mit anderen Mitteln...und [entzogen] sich dem allgegenwärtigen Leistungsdruck des Staates und dem enormen Anpassungsdruck an die Masse in der Freizeit durch den Rückzug ins Private (Müller).

Dieser Rückzug ins Private erkennt man in einigen literarischen Werken, die sich mit dem Leben der Jugend zu DDR-Zeiten beschäftigen. Plenzdorfs Die Neuen Leiden des jungen W. sollte man vielleicht als Beispiel nehmen. Viele Jugendliche fühlten sich wie Edgar von der Gesellschaft eingeengt. Als Folge entwickelten sie eine Abneigung gegen die Pedanterie des Staates. Edgar zum Beispiel will dem vorgeschriebenen Weg der DDR Jugend nicht nachgehen. Seine Empfindungen beschreiben die Gefühle mehrere ostdeutsche Jugendliche in den 70er Jahren. Wie Edgar haben sich viele aus der Gesellschaft zurückgezogen. Obwohl Edgar keine direkte Kritik an der Gesellschaft übt, kämpft er indirekt um Freiräume und zieht in diese Laube in Berlin. Er bemüht sich zusätzlich durch seine Arbeit an dem Spritzgerät etwas durch seine individuelle Leistungen zu erreichen, was die Arbeitsbrigade - das Kollektive - nicht gelingt (Bühler 71). Auf dieser Weise übt Plenzdorf auch eine Kritik an der DDR-Gesellschaft aus.

Das Auffallende an dieses Zurückziehen ins Private, in einen Bereich, "aus dem bewusst die Politik ausgeklammert ist" ist dass die Jugend hier erlaubt ist, Widerstand die ihnen gesetzten Grenzen zu leisten und einen Platz für sich, eine Ersatzwirklichkeit zu schaffen. Dieser Rückzug

zeigt deutlich das Fortbestehen einer Spannung zwischen dem Anspruch des Systems nach sozialistischer Gestaltung aller menschlichen Bereiche seiner Bürger und der sozialen Realität an in der verständlicherweise besonders Jugendliche auf jede Art der Bevormundung empfindlich reagieren(Müller).

Aus dieser Spannung ergibt sich die Neigung von vielen "ein gespaltenes Leben zu führen." In der Öffentlichkeit scheint die Jugend sich gegenüber den Ansprüchen des Staates resigniert zu haben. Doch hat sie heimlich ein aktives Innenleben. Es konnte einem vielleicht vorkommen, dass das Innenleben der Jugend nicht besonders oppositionell zu sein, scheint. Von der DDR-Gesellschaft entfremdet zu leben war aber selbstverständlich gefährlich. Zum Beispiel galten Jugendliche, die sich für "staatlichen Freizeitangebot" nicht interssierten, als asozial (Büscher und Wensierski 168). Büscher und Wensierski erklären

Asoziale - das ist der gemeinsame Nenner, den der Polizeijargon in der DDR für das Anderartige gefunden hat. Wer als asozial eingestuft wird, kann auf dem Polizeirevier vor Gericht oder im Jugendwerkhof landen - einer Erziehungsanstalt, in die 'besserungsbedürftige' Jugendlichen kommen (23).

Durch diese Aussage wird es klar, dass es in der DDR Gesellschaft keinen Platz für irgendeine "Absonderungen" gab. Diese Tatsache macht Kerstin Hensel durch die Familie von Haßlau im Tanz am Kanal deutlich - besonders was das Leben von Gabriele betrifft. Gabriele wurde von ihrer Lehrerin als "asozial" beschrieben und von der Stasi ihr ganzes Leben hindurch verfolgt(Hensel 34). Büscher und Wensierski erklären

Asozial is ganz wörtlich zu verstehen: Es geht nicht nur um konkrete Delikte wie Diebstahl oder Körperverletzung, sondern um die Absonderung von der Gesellschaft. Wenn sich ein Jugendlicher derart gebärdet, daß die Hüter des kleinbürgerlichen sozialen Rahmens den Eindruck gewinnen, er falle aus diesem heraus, muß etwas gegen ihn unternommen werden (23).

Das Rückzug ins Innere war eine Weise, in der die Jugend ihrem Unwillen den gesellschaftlichen Normen anzupassen, Ausdruck verliehen. Es war eine Weise in der sie eine Welt schuffen, in der es anders zuging, als in ihrer eigenen. Die Jugend widersetzte sich schließlich den politischen Ideologien des SED-Staates, in dem sie einen privaten Raum für sie selbst schuf und sich in diesem Raum zurückzog. Volker Brauns Heldin Karin drückt diese Realität am besten aus, in dem sie

eine ungewohnte, exotische Versuchung [spürte]- sich vom gesellschaftlichen Leben abzukehren, ihre Ideale zu vergessen, ihre Aufgaben wegzuwerfen. Und in die bekannte Gleichgültigkeit zu fallen, die politische Abstinenz, die sie sonst verachtet hatte. Würde ihr das helfen? Ein Urlaub von der Welt. Wie eine Schlaftherapie, ein Schlaf des Bewußtseins (Braun 91).

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