UNTERSCHIEDE
in den drei Fassungen von Rotkäppchen

SCHWARZ = Grimm
PURPUR = Politisch-Korrekt
ROT = in der DDR


Es war einmal eine kleine süße Dirne, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, amallerliebsten aber ihre Großmutter, die wußte gar nicht, was sie alles dem Kinde geben sollte. Einmal schenkte sie ihm ein Käppchen von rotem Sammet, und weil ihm das so wohl stand und es nichts anders mehr tragen wollte, hieß es nur das Rotkäppchen.

Eines Tages sprach seine Mutter zu ihm: "Komm, Rotkäppchen, da hast du ein Stück Kuchen und eine Flasche  Wein, bring das der Großmutter hinaus; sie ist krank und schwach und wird sich daran laben. Mach dich auf, bevor  es heiß wird, und wenn du hinauskommst,so geh hübsch sittsam und lauf nicht vom Weg ab, sonst fällst du und  zerbrichst das Glas, und die Großmutter hat nichts. Und wenn du in ihre Stube kommst, so vergiß nicht, guten Morgen zu sagen, und guck nicht erst in alle Ecken herum."
 

Es war einmal ein junger Mensch namens Rotkäppchen, sie lebte mit ihrer Mutter am Rande eines großen Waldes. Eines Tages bat ihre Mutter sie, ihrer Großmutter einen Korb frischen Obstes und natriumarmen Mineralwassers zu bringen. Dieses beileibe nicht, weil es sich hier um eine typische Frauenarbeit handelt, sondern weil eine derartige Handlungsweise hilft, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu erzeugen.
 

Schließlich ist die Großmutter auch keinesfalls krank, sondern im Vollbesitz ihrer geistigen und körperlichen Kräfte, von daher also durchaus in der Lage, ihr Leben als reife Erwachsene selbst in die Hand zu nehmen.

Es gab vor einiger Zeit in Thüringen noch ein riesiges Waldstück, das noch nicht zu einem volkseigenen Erholungsgebiet für die werktätigen Massen umfunktioniert war. In diesem Waldstück lebte ein reaktionärer Wolf, den man nach der Kapitulation des faschistischen Hitler-Regimes nicht in eine staatliche Heilanstalt eingewiesen hatte.



 "Kuchen und Wein: gestern haben wir gebacken, da soll sich die kranke und schwache Großmutter etwas zugut tun und sich damit stärken."

"Reformhauskost für meine Großmutter, die selbstverständlich alleine in der Lage ist, ihr Leben als reife Erwachsene zu führen."

An einem schönen Sommertag, man feierte gerade das 25-jährige Bestehen der sozialistischen Deutschen Demokratischen Republik, ging ein fortschrittliches Rotkäppchen ganz allein durch den Wald. Es trug ein blaues Hemdchen, ein gelbes Halstuch und ein rotes Käppchen auf ihrem Haar. Es wollte an diesem Festtag der linientreuen Großmutter dem Sozialismus zu Ehren russischen Wodka des sowjetischen Brudervolkes schenken.



"Rotkäppchen, sieh einmal die schönen Blumen, die ringsumher stehen, warum guckst dudich nicht um? Ich glaube, du hörst gar nicht, wie die Vöglein so lieblich singen? Du gehst ja für dich hin, als wenn du zur Schule gingst, und ist so lustig haußen in dem Wald."

Sofort sagte Rotkäppchen:" Ich finde Deine sexistische Bemerkung zwar außerordentlich beleidigend, bin jedoch bereit, diese zu ignorieren, da Du ein klassischer Außenseiter der Gesellschaft bist und der Streß dieses sozialen Status bei Dir zur Entwicklung eines eigenen,für Dich individuell gültigen Weltbildes geführt hat. Nun entschuldige mich aber, ich muß weiter."

Plötzlich begegnete ihm der böse faschistische Wolf. Er hatte eine rote Zunge, damit niemand etwas von seinen volksverhetzenden Absichten merkte. Rotkäppchen ahnte auch nichts Böses, weil sie meinte, einen ganz normalen proletarischen Hund vor sich zu haben.

"Es lebe Iljitsch", sagte der Wolf. "Wo gehst du denn hin?" "Ich gehe zu meiner Grossmutter in den Veteranenclub der Volkssolidarität", antwortete Rotkäppchen. "Aha", sprach der Wolf, "dann bringe ihr doch zu Ehren unserer proletarischen Bewegung ein Blumensträußchen mit, das du im nahen von Jungpionieren angelegten Lenin-Park pflücken kannst."



Der Wolf drückte auf die Klinke, die Türe sprang auf, und er ging, ohne ein Wort zu sprechen, gerade zum Bett der Großmutter und verschluckte sie. Dann tat er ihre Kleider an, setzte ihre Haube auf, legte sich in ihr Bett und zog die Vorhänge vor.

Er brach in das Haus ein und fraß die Oma, ein für einen Fleischfresser für sich genommen durchaus legitimes Verhalten. Nun aber, ungehemmt von starren, traditionalistischen Vorstellungen von männlichem und weiblichem Verhalten, legte er die Kleider der Großmutter an und kletterte in ihr Bett.

Das tat Rotkaeppchen dann auch. Der faschistoide Wolf jedoch eilte in den Veteranenclub, frass den bürgerlich-korrupten Portier, verschlang die sozialistische Großmutter, schlüpfte in ihre Kleider, steckte sich die Aktivistennadel an und legte sich ins Bett.



Es rief "Guten Morgen," bekam aber keine Antwort. Darauf ging es zum Bett und zog die Vorhänge zurück: da lag die Großmutter und hatte die Haube tief ins Gesicht gesetzt und sah so wunderlich aus.

"Ei, Großmutter, was hast du für große Ohren!"
"Daß ich dich besser hören kann."
"Ei, Großmutter, was hast du für große Augen!"
"Daß ich dich besser sehen kann."
"Ei, Großmutter, was hast du für große Hände"
"Daß ich dich besser packen kann."
"Aber, Großmutter, was hast du für ein entsetzlich roßes Maul!"
"Daß ich dich besser fressen kann."

Als Rotkäppchen die Waldhütte betrat, rief sie: Großmutter, ich habe Dir ein paar fett- und cholesterinarme Lebensmittel mitgebracht, um Dich in Deiner Rolle als weiser und nährender Mutter des Matriarchats zu stärken."

"Näher, mein Kind, komm näher." ertönte es leise vom Bett. "Oh je," rief Rotkäppchen, "ich hatte ja ganz vergessen, daß Du optisch herausgefordert bist wie eine Fledermaus. Oma, was hast Du nur für große Augen!" "Viel haben sie gesehen, und viel vergeben, meine Liebe." "Oma, was hast Du nur für eine große Nase. Selbstverständlich nur eher vergleichsweise und durchaus schön auf ihre eigene Art."  "Viel hat sie gerochen, und viel vergeben, meine Liebe." "Großmutter, wie groß sind Deine Zähne!"

Da kam auch schon das Rotkäppchen zur Tür herein und fragte: "Nun, liebe fortschrittliche Großmutter, wie geht es dir?" Der Wolf versuchte die volksnahe Stimme der Großmutter nachzuahmen und antwortete: "Gut, mein liebes Kind." Rotkäppchen fragte erstaunt: "Warum sprichst du heute so bürgerlich-kapitalistisch zu mir?" "Ach, die Rednerausbildung am Vormittag hat mich zu sehr beansprucht", antwortete der Wolf. "Aber Großmutter, was hast du für große Ohren?" "Damit ich das Geflüstere der imperialistischen Volksfeinde besser hören kann." "Was hast du denn für große Augen?" "Damit ich die CIA-Schergen besser sehen kann." "Was hast du denn fuer einen grossen Mund?" "Du weißt doch, dass ich im ZK der Partei tätig bin!"



Kaum hatte der Wolf das gesagt, so tat er einen Satz aus dem Bette und verschlang das arme Rotkäppchen.

"Ich bin durchaus zufrieden mit meiner Identität und was damit zusammenhängt" sagte der Wolf und sprang aus dem Bett.  Sofort packte er sie mit seinen Klauen in der Absicht, sie alsbald zu verzehren.

Und mit diesen Worten fraß der Wolf das arme Rotkäppchen, legte sich wieder ins Bett, schlief in seiner verantwortungslosen Art sofort ein und schnarchte laut.



Der Jäger ging eben an dem Haus vorbei und dachte: "Wie die alte Frau schnarcht, du mußt doch sehen, ob ihr etwas fehlt." Da trat er in die Stube, und wie er vor das Bette kam, so sah er, daß der Wolf darin lag. "Finde ich dich hier, du alter Sünder", sagte er, "ich habe dich lange gesucht."

Nun wollte er seine Büchse anlegen, da fiel ihm ein, der Wolf könnte die Großmutter gefressen haben und sie wäre noch zu retten: schoß nicht, sondern nahm eine Schere und fing an, dem schlafenden Wolf den Bauch aufzuschneiden.

Ihre Schreie wurden von einem vorbeigehenden Holzfäller gehört (er selbst zieht es vor, sich als Ingenieur für nachwachsende Rohstoffe zu bezeichnen). Er stürmte sofort in die Hütte, nahm die Gefahr wahr, und wollte Rotkäppchen zu Hilfe eilen. Als er aber seine Axt hob, ließ der Wolf von Rotkäppchen ab und beide wandten sich ihm zu. "Was glaubst Du eigentlich, was Du hier machst?" herrschte Rotkäppchen ihn an. Der Holzfäller zuckte zusammen und er versuchte zu antworten,doch ihm fehlten die Worte.  "Du platzt hier rein wie ein Neandertaler, im Vertrauen auf Deine Waffe, die Dir das Denken abnimmt", schimpfte sie,"Sexist! Rassist!  Was bildest Du Dir eigentlich ein, anzunehmen, Frauen und Wölfe könnten ihre Probleme nicht ohne die Hilfe eines Mannes lösen?"

Da ging draussen eine Delegation der FDJ vorbei, ein munteres
sozialistisches Lied auf den Lippen. Die FDJ-ler hörten das
Schnarchen des Wolfes und dachten: "Wie kann eine volksdemokratische Großmutter nur so imperialistisch-subversiv schnarchen?"



Und dann kam die alte Großmutter auch noch lebendig heraus und konnte kaum atmen. Rotkäppchen aber holte geschwind große Steine, damit füllten sie dem Wolf den Leib, und wie er aufwachte, wollte er fortspringen, aber die Steine waren so schwer, daß er gleich niedersank und sich totfiel.

Als die Großmutter Rotkäppchens leidenschaftliche Worte hörte, sprang sie aus dem Maul des Wolfs, ergriff die Axt des Holzfällers und hieb ihm den Kopf ab.

Und als der Delegationssprecher nachsah, fand er den Wolf, ließ eine Kalaschnikow holen und schoß ihn, obwohl er nicht in der Betriebskampfgruppe war, auf eigene Verantwortung tot.  Dann schlitzte er ihm den Bauch auf und fand Großmutter und     Rotkäppchen noch lebend. Um den bourgeois-dekadenten Portier
kümmerte er sich nicht, der war ja auch schon fast verdaut.
War das eine Freude! Der Wolf wurde dem VEB Konservenkombinat zugewiesen und zu Fleisch im eigenen Saft verarbeitet.



MORAL/LEHRE

Da waren alle drei vergnügt; der Jäger zog dem Wolf den Pelz ab und ging damit heim, die Großmutter aß den Kuchen und trank den Wein, den Rotkäppchen gebracht hatte,und erholte sich wieder, Rotkäppchen aber dachte: "Du willst dein Lebtag nicht wieder allein vom Wege ab in den Wald laufen, wenn dir's die Mutter verboten hat."

Nach diesem Gottesurteil ergriff Rotkäppchen, ihre Großmutter und den Wolf ein eigentümliches Gefühl für die Gemeinsamkeit ihrer Interessen und so entschieden sie sich, eine auf gegenseitigen Respekt und Rücksichtnahme gegründete WG zu bilden, worin sie glücklich bis ans Ende ihrer Tage lebten.

Der Delegationssprecher durfte an der Uniform den Orden "Held der sozialistischen Arbeit" tragen, Rotkäppchen kam auf die Einheitsliste der Nationalen Front und ist heute Kandidatin des ZK der SED, und die Großmutter durfte in einem sozialistischen Freundschaftslager in der VR Kuba vier Wochen lang Feldarbeit fuer den sozialistischen Aufbau leisten.




Rotkäppchen von den Gebrüdern Grimm
Das zweite Ende

Es wird auch erzählt, daß einmal, als Rotkäppchen der alten Großmutter wieder Gebackenes brachte, ein anderer Wolf ihm zugesprochen und es vom Wege habe ableiten wollen.  Rotkäppchen aber hütete sich und ging gerade fort seines Wegs und sagte der Großmutter, daß es dem Wolf begegnet wäre, der ihm guten Tag gewünscht, aber so bös aus den Augen geguckt hätte: "Wenn's nicht auf offner Straße gewesen wäre, er hätte mich gefressen."  "Komm," sagte die Großmutter, "wir wollen die Türe verschließen, daß er nicht herein kann."  Bald darnach klopfte der Wolf an und rief: "Mach auf, Großmutter, ich bin das Rotkäppchen, ich bring dir Gebackenes."

Sie schwiegen aber still und machten die Türe nicht auf: da schlich der Graukopf etlichemal um das Haus, sprang endlich aufs Dach und wollte warten, bis Rotkäppchen abends nach Haus ginge, dann wollte er ihm nachschleichen und wollt's in der Dunkelheit fressen.  Aber die Großmutter merkte, was er im Sinn hatte.  Nun stand vor dem Haus ein großer Steintrog, da sprach sie zu dem Kind: "Nimm den Eimer, Rotkäppchen, gestern hab ich Würste gekocht, da trag das Wasser, worin sie gekocht sind, in den Trog."  Rotkäppchen trug so lange, bis der große, große Trog ganz voll war.  Da stieg der Geruch von den Würsten dem Wolf in die Nase, er schnupperte und guckte hinab, endlich machte er den Hals so lang, daß er sich nicht mehr halten konnte und anfing zu rutschen: so rutschte er vom Dach herab, gerade in den großen Trog hinein, und ertrank.  Rotkäppchen aber ging fröhlich nach Haus, und tat ihm niemand etwas zuleid.


Das erste Ende: Ist das ein "Happy-End?"  Was hat Rotkäppchen gelernt?  Was soll der Leser lernen?

Das zweite Ende: Was haben Rotkäppchen und die Großmutter gelernt?

Wie unterscheiden sich die beiden Enden?