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Jürgen
Wittenstein ist einer der wenigen Überlebenden, die von Beginn an
zu dem engen Freundeskreis gehörten, der später als die Widerstandgruppe
Weiße Rose bekannt wurde, und der bis zum Ende an deren Aktivitäten
beteiligt war.
Vor kurzem besuchten Christel
und Jürgen Wittenstein München, und aus einem Treffen ergab sich
ein Interview, ein sehr bewegendes und intensives Gespräch. Jürgen
Wittenstein und seine Frau Christel sprachen mit uns über die Zeit
der Weißen Rose, die Nachkriegsjahre und die Aufarbeitung der Geschichte
in Deutschland.
1. Die Weiße Rose
Man kann sagen, so Wittenstein,
dass die Weiße Rose 1938 ihren Anfang nahm. Aber sie war keine Organisation,
man konnte ihr nicht beitreten. Die Weiße Rose war "eine Gruppe von
sehr engen Freunden mit denselben Interessen für Literatur, Kunst,
Musik usw." Für Jürgen Wittenstein begann die Weiße Rose
in der Sanitätseinheit. Diejenigen, die Medizin studieren wollten,
wurden die letzten sechs Monate ihrer Militärzeit in eine Sanitätskompanie
versetzt, wo sie in medizinischer Grundversorgung ausgebildet wurden. Hier
teilte Wittenstein das Zimmer mit Alexander Schmorell und die beiden haben
sich bald angefreundet und bemerkt, dass sie dieselben politischen Ansichten
hatten. Schmorell scherzte einmal, dass vielleicht eines Tages an ihrer
Tür ein Schild hängen werde: "Hier hat die Revolution begonnen!"
Wittenstein war es schließlich, der Hans Scholl, den er durch den
gemeinsamen Freund Hellmut Hartert kennengelernt hatte, mit Alexander Schmorell
bekannt machte.
Sie alle begannen dann ihr
Medizinstudium in München, das ihnen zunächst, nach Militärzeit
und Arbeitsdienst, ungeheure Freiheiten zu bieten schien. Im Nachhinein
betrachtet waren diese Monate des Studienbeginns die einzige Zeit in der
sie ihre Jugend leben konnten.
Auch andere Studenten standen
der NS-Herrschaft kritisch gegenüber. Wittenstein erzählt zum
Beispiel vom 13. Januar 1943. Der Gauleiter versammelte alle Studenten
für eine spezielle Ankündigung im Deutschen Museum und griff
dabei alle Studentinnen an, sie würden ihre Zeit mit dem Studium vergeuden.
Stattdessen sollten sie besser ihre "vaterländische" Pflicht erfüllen
und dem Führer einen Sohn schenken. "..., und wenn sie niemanden haben,
stelle ich Ihnen gerne einen meiner Adjutanten zur Verfügung und ich
kann Ihnen ein angenehmes Ereignis versprechen...", so der Gauleiter. Als
viele Studentinnen daraufhin aus Protest und unter dem Applaus der übrigen
Studentenschaft den Saal verlassen wollten, ließ sie der Gauleiter
verhaften. Daraufhin stürmten viele männliche Kommilitonen, viele
von ihnen in Uniform, das Podium und nahmen den Studentenführer als
Geisel bis die Studentinnen wieder freigelassen wurden.
Warum waren es aber letztendlich
doch nur so wenige, die ihrem Widerstand in Gedanken auch Taten folgen
ließen? "Es gibt im Deutschen ein Wort für etwas, was es in
Deutschland fast nie gegeben hat: Zivilcourage", beantwortet Wittenstein
diese Frage, nur die Allerwenigsten wären dazu bereit, konsequent
für ihre Meinung einzustehen. Wittenstein sieht den Grund dafür
historisch bedingt: Deutsche Untertanenmentalität, durch das Kaiserreich
geprägt und fortbestehend in der Weimarer Republik.
Dass sich Wittenstein und seine
Freunde von den meisten ihrer Altersgenossen unterschieden, führt
er einerseits auf das Elternhaus, das sie zu Verantwortung und selbständigem
Denken ermutigte, und andererseits auf die Bündische Jugend zurück.
Selbstverantwortung und ethische Prinzipien, aber auch Mut, Tapferkeit
und Ehrlichkeit waren die formulierten Ziele, die den Jugendlichen dort
vermittelt werden sollten.
Trotzdem war für uns die
Frage nach dem "Widerstand bis zur allerletzten Konsequenz" noch unbeantwortet.
Warum hat sich Jürgen Wittenstein in diese Gefahren begeben - oder
waren sie ihm etwa gar nicht wirklich bewußt?
Ganz im Gegenteil, er war sich
der Gefahren durchaus bewußt und hatte auch große Angst. Aber
die Taten, die ihn in gefährliche Situationen brachten, waren für
ihn selbstverständlich. So ist er zum Beispiel eine Woche nach der
Hinrichtung der Geschwister Scholl und Alexander Schmorells mit einem großen
Kranz zum Friedhof gefahren. Dazu mußte er durch die ganze Stadt
mit der Trambahn, mußte sich bei der Friedhofsverwaltung nach dem
Grab erkundigen und legte den Kranz dann dort nieder, am Grab von drei
"Volksverrätern". Hatte er keine Angst vor GeStaPo-Beschattung oder
Denunzianten? Doch schon, "aber einer mußte es doch machen!"
Wittenstein war es auch, der
die Eltern Scholl anrief und von der Verhaftung ihrer Kinder unterrichtete,
er holte sie vom Bahnhof ab und brachte sie zum Justizpalast, sie hätten
ansonsten ihre Kinder nicht mehr lebend gesehen. Auch hier dieselbe Antwort:
"Einer mußte es doch machen!"
Die einzige Situation, in der
Wittenstein seine Nerven verloren hätte, wäre, wenn er als Militärarzt
bei der Hinrichtung seiner Freunde hätte anwesend sein müssen,
um deren Tod zu bestätigen. Er wurde vorher bereits einmal dazu abkommandiert,
bei
einer Hinrichtung anwesend zu sein. Allein die Vorstellung entsetzt ihn
noch heute sichtlich.
Hat auch er sich vorgestellt,
verhaftet und verurteilt zu werden? "Das habe ich mir sehr genau vorgestellt",
und die Situation wurde dann auch akut als die Vorladung von der GeStaPo
kam. Bis heute kann sich Wittenstein nicht erklären, warum ihn sein
Vorgesetzter bei der Studentenkompanie in dieser Zeit geschützt hat.
Vermutlich ärgerte er sich maßlos darüber, dass die Gestapo
versuchte, in seinen Kompetenzbereich einzugreifen, denn die Gestapo hatte
keine Befehlsgewalt über Mitglieder der Streitkräfte. Einmal
sagte er sogar zu Wittenstein, dass er ihn ermächtige, im Falle einer
Verhaftung von seiner Waffe Gebrauch zu machen. Als auch dieser Schutz
nicht mehr wirksam zu sein drohte, meldete sich Wittenstein freiwillig
an die Front, der einzige Ort, an dem die Gestapo keinen Zugriff auf ihn
hatte.
Damit endete eine Beschattung,
die früh begonnen hatte. Tatsächlich war Wittenstein nämlich
der ursprünglich am meisten Belastete. Schon 1938 wurde er von der
Gestapo beobachtet und hat, um die Freunde nicht in Gefahr zu bringen,
an allen damaligen Besprechungen der Weißen Rose nicht teilgenommen.
Zeichen setzen
Die Aktionen der Weißen
Rose bestanden darin, ihre Mitmenschen aufzurütteln. In wie weit dies
gelang, will Wittenstein nicht endgültig beurteilen. Sicher, nach
der Mauerbemahlung (in meterhohen Buchstaben hatte die Gruppe das Wort
"Freiheit" an die Fassade der Münchner Universität geschrieben)
war die Stadt in Aufruhr und die Mehrzahl der umstehenden Münchner
schien positiv bewegt.
In diesem Zusammenhang erzählt
er auch von einer Angestellten seiner Zimmerwirtin, die ihm am Morgen nach
dem mißglückten Hitler-Attentat Elsners von den Geschehnissen
im Bürgerbräukeller berichtete und hinzufügte: "Hätt's
ihn doch derbatzt!"
Angesichts solcher Äußerungen
stellt sich die Frage, wie sich das Regime überhaupt so lange halten
konnte. Wittenstein schildert die ständig gegenwärtige Bedrohung,
die sich jemand, der in einem demokratischen System aufgewachsen ist, kaum
vorstellen kann. Schon 1934 war der staatliche Terror so präsent,
dass sich der Satz eingebürgert hatte: "Sei still, sonst kommst du
nach Dachau." Jürgen Wittenstein erlebte einmal im Kino, dass die
Gestapo während der dem Hauptfilm vorgeschalteten Wochenschau, jemanden,
die sich abfällig geäußert hatte, abführte.
Das System lebte von der Einschüchterung
seiner Bürger. Im Falle der Mitglieder der Weißen Rose hat das
nicht funktioniert. Sie fanden sich trotzdem zu einer Widerstandsgruppe
zusammen - und nicht nur sie. In Deutschland existierten etwa 350 Widerstandgruppen:
Allerdings wußten nur die wenigsten voneinander oder standen in Kontakt,
so erfolgreich war Hitlers System der Isolierung, Einschüchterung
und Bespitzelung. Der Großteil der Bevölkerung schwankte zwischen
Indifferenz, Mitläufertum und Begeisterung für den NS-Staat.
Der Tag der Verhaftung
Wittenstein erzählt vom
18. Februar 1943, dem Tag der Verhaftung der Scholls. Die Mitglieder der
Studentenkompanie wurden in die Kaserne gerufen. Normalerweise hatten sie
sich nur Samstags zum Appell einzufinden und daher kamen Gerüchte
auf, dass sie wahrscheinlich wieder nach Russland geschickt würden.
Der Kompaniechef gab bekannt, dass es einen Hochverräter aus der Einheit
gebe, keiner dürfe die Kaserne verlassen. Als das Fehlen Alexander
Schmorells auffiel, ging Wittenstein zum Kompaniechef und behauptete, Schmorell
wohne am Land ohne Telefon und er könne ihn verständigen. Er
bekam daraufhin die Erlaubnis, die Kaserne zu verlassen und fuhr sofort
in die Praxis von Alexanders Vater. Obwohl im Wartezimmer bereits die Gestapo
saß, hatte er die Hoffnung, Alexander über seinen Vater eine
Nachricht zukommen zu lassen. Denn die Familie von Jürgen Wittenstein
besaß ein weitläufiges Landgut im Schwäbischen, auf dem
sie schon mehrere Leute versteckt hatten. Alexander und alle anderen Mitglieder
der Weißen Rose wußten davon und sollten sich im Fall der Fälle
in der Nacht dorthin durchschlagen. Wittenstein kann bis heute nicht verstehen,
warum das nicht geklappt hat. Lag es daran, dass Alexander schon verhaftet
war oder hat er diese Möglichkeit in Panik vergessen?
Diese Frage wird genauso unbeantwortet
bleiben, wie zwei weitere Dinge, die Wittenstein bis heute nicht verstehen
kann. Warum haben sich die Scholls einfach festhalten lassen? Warum haben
sie sich von dem körperlich unterlegenen Hausmeister nicht einfach
losgerissen? Hans war dazu stark genug, und beide hätten in der Nacht
auf das Landgut der Wittensteins flüchten können. Und warum trug
Hans Scholl einen handschriftlichen Entwurf für ein Flugblatt von
Christoph Probst in seiner Tasche? Gerade an dem Tag als sie mehr riskierten
und die Flugblätter nicht nur vor den Hörsälen auslegten,
sondern sie in den Lichthof der Universität warfen.
Probst wurde durch einen Handschriftenvergleich
überführt und mit den Scholls zusammen hingerichtet. Die Freunde
hatten versucht, ihn aus den Aktivitäten der Weißen Rose zunehmend
herauszuhalten, da er verheiratet war und drei kleine Kinder hatte. Wäre
nicht der Entwurf bei Scholl gefunden worden, hätte man Probst zwar
sicherlich verhört, aber man hätte ihm nichts nachweisen können
und er wäre dem Tod entronnen.
"Einer muß es doch machen!"
Kann man sagen, dass das als Motto der Weißen Rose gelten kann? "Ganz
bestimmt", erwidert Jürgen Wittenstein. Die Mitglieder der Weißen
Rose wollten für ihre Meinung einstehen, eben auch bis in die letzte
Konsequenz. Sophie Scholl hatte in der Haft noch die Chance, der Todesstrafe
zu entkommen. Der Kriminalbeamte, der sie verhörte, wollte sie wohl
vor der Hinrichtung bewahren. Er hielt ihr einen langen Vortrag über
die "Errungenschaften" des Nationalsozialismus und fragte sie dann, ob
sie genauso gehandelt hätte, wenn sie das alles gewußt hätte.
Und Sophie Scholl antwortete: "Ja, denn nicht ich, sondern sie haben die
falsche Weltanschauung."
2. Nach dem Krieg
Nach dem Krieg ging Jürgen
Wittenstein zunächst nach England. Auf das Visum für die Einreise
in die USA musste er ein Jahr warten, denn in der amerikanischen Regierung
konnte sich niemand vorstellen, dass jemand im Widerstand war, ohne Kommunist
zu sein. Und Kommunisten bekamen damals, zur Zeit der hysterischen Kommunistenverfolgung
durch McCarthy keine Einreisegenehmigungen.
Wir möchten wissen, auch
wenn wir es sehr deutlich ahnen, warum er Deutschland schließlich
verlassen hat. Zunächst mal wegen der weiteren Ausbildung, das ist
die erste Antwort, Wittenstein ist heute ein prominenter Herzchirurg. Aber
das ist natürlich nur die halbe Wahrheit.
Dass ein Mann wie Jürgen
Wittenstein, der jahrelang sein Leben für Deutschland und die Menschen
in Deutschland riskiert hat, diesem Land den Rücken gekehrt hat, ist
eine Folge unerträglicher Vorkommnisse und des Umgangs mit der Vergangenheit
in Deutschland nach Hitler.
Da ist zum Beispiel die Geschichte
von Frau Huber, der Witwe des ebenfalls hingerichteten Prof. Kurt Huber.
Nach der Ermordung ihres Mannes geriet sie auch wirtschaftlich in extreme
Not. Da ihr Mann "rechtmäßig" entlassen wurde, erhielt sie auch
nach dem Krieg keine Pension, während Nazis und ihre Witwen sofort
hohe Pensionen bekamen. Stattdessen wurde Frau Huber erst 7 Jahre nach
Kriegsende eine Pension bewilligt. Bis dahin unterstützte sie während
des Krieges Jürgen Wittenstein mit Hilfe von Freunden und unter großer
persönlicher Gefahr und danach dann die US-Armee.
Es dauerte Jahrzehnte bis die
Todesurteile gegen die Mitglieder der Weißen Rose für unrecht
erklärt wurden. Nach allem was passiert war, reichte wohl die bis
dahin fast übermenschliche Kraft Jürgen Wittensteins nicht mehr
aus, um mit so viel Gleichgültigkeit und Unrecht fertig zu werden.
Der mühsame Umgang mit
der deutschen Vergangenheit zeigt sich auch in einer anderen Episode. Der
Vorschlag des Schriftstellers Stefan Lackner, Wittenstein das Bundesverdienstkreuz
sowohl für seine Beteiligung im Widerstand als auch für seine
Verdienste um die Herzchirurgie in Deutschland zu verleihen, wurde abgelehnt,
denn "schließlich müsse man erst mal was für Deutschland
getan haben", so die inoffizielle Begründung. Einige Jahre später,
diesmal auf Vorschlag des Goethe-Instituts L.A., wurde Jürgen Wittenstein
dann doch noch diese höchste Auszeichnung der Bundesrepublik verliehen.
Er wollte sie dann zunächst gar nicht annehmen, entschloß sich
dann aber doch dazu. Aber nicht für sich, sondern im Namen derer,
die nicht mehr geehrt werden können.
"Wir haben eine Verantwortung"
Ähnlich wie viele Überlebende
der Schoah hat auch er sehr lange nicht über die Zeit des Dritten
Reichs gesprochen. Seine Kinder wussten nur die groben Fakten, dass er
zur Weißen Rose gehörte, aber sie kannten keine Details. Selbst
heute fällt es ihm sichtbar schwer, sich an diese Geschehnisse zu
erinnern und über seine Gefühle während und nach dieser
Zeit zu sprechen.
Oft genug waren es Desinteresse
und unsensibler Umgang mit der Geschichte, die das Reden zusätzlich
erschweren. Eines der ersten Interviews in diesem Zusammenhang führten
Wittenstein und seine Frau mit der Shoah-Foundation von Steven Spielberg.
Für beide eine herbe Enttäuschung. "Nüchtern und offensichtlich
einem vorgedruckten Schema folgend", fasst Christel Wittenstein zusammen.
Doch trotz solcher Erlebnisse ist es Jürgen Wittenstein wichtig, Zeugnis
abzulegen für die Nachwelt: "Wir haben eine Verantwortung. Wir müssen
es machen."
Dass es ihm schwerfällt,
darüber zu sprechen, können wir uns schon alleine deshalb gut
vorstellen, weil man sich in einem solchen Fall herausstellen muss. Und
das ist für einen bescheidenen Menschen wie Jürgen Wittenstein
sicher nicht einfach. Die Betätigung im Widerstand begründet
eine moralische Einstellung, die 50 Millionen Deutsche nicht hatten.
Für seine Kinder schreibt
Wittenstein eine spezielle Biographie. Seine Frau wendet jedoch ein, dass
er daran schon seit Jahren schreibe. Denn gerade mit den eigenen Kindern
ist es anscheinend besonders schwer, über die Ereignisse zu sprechen.
Den eigenen Kindern möchte man ja eigentlich die Welt als etwas Positives
und Lebenswertes erscheinen lassen.
Wir fragen, ob er sich gefreut
habe, dass die Kinder nach Einzelheiten fragen, und ob er darauf gewartet
habe? Ja, meint er, er hat sich gefreut. Und nein, er hat nicht darauf
gewartet. Er habe vielmehr darauf gehofft, dass seine schriftlichen Aufzeichnungen
früher fertig werden, das wäre dann etwas einfacher.
Denn das Erzählen über
das Vergangene ist für Jürgen Wittenstein noch immer sehr schmerzhaft,
es tut noch immer sehr weh, daran zu denken und sich damit auseinander
zusetzen. Christel Wittenstein erzählt, dass ihr Mann in allen Interviews
immer bis an ein bestimmtes Limit geht, er schildert die Fakten, die Tatsachen,
aber spricht ungern von seinen Ängsten und Gefühlen. Vielleicht
kann man über die emotionale Seite der Geschehnisse tatsächlich
nur mit jemandem sprechen, der selbst Ähnliches erlebt hat.
Eine offizielle Biographie
wird es von dem amerikanischen Historiker David Russell geben. Im Zuge
eines Projektes der Oral History an der University of California hat er
Jürgen Wittenstein interviewt, "drei Jahre lang jeden Donnerstag zwei
Stunden lang." Man darf darauf gespannt sein, die Biographie soll nächstes
Jahr erscheinen.
3. Zur Rezeption der Weißen
Rose
In der wissenschaftlichen Literatur
zur Weißen Rose findet man erstaunlicherweise relativ wenig Erwähnung
von Jürgen Wittenstein. Man liest stets, das er derjenige war, der
Hans Scholl und Alexander Schmorell miteinander bekannt machte, und dass
er die Eltern Scholl von der Verhaftung ihrer Kinder unterrichtete. Aber
in keinem der Werke wird ausdrücklich konstatiert, dass er ebenfalls
Mitglied der Weißen Rose war.
Tatsächlich wurde Jürgen
Wittenstein bisher noch von keinem deutschen Historiker zur Geschichte
der Weißen Rose befragt. Und das ist mehr als erstaunlich. Schließlich
ist Wittenstein ein Zeitzeuge, einer der unmittelbar dabei war. Ein Großteil
der Fotos, die von den Mitgliedern der Weiße Rose bekannt sind, hat
Jürgen Wittenstein gemacht, darunter auch das bekannte Bild vom Münchner
Ostbahnhof anlässlich der Verschickung nach Russland mit Sophie Scholl
und ihrer Blume. Wieso hat sich aber dennoch kein Wissenschaftler für
diesen Mann, der offensichtlich unmittelbar dabei war, interessiert?
Diese Frage ist nicht einfach
zu beantworten. Wesentlich scheint, dass die Literatur durch das erste
Buch über die Weiße Rose von Inge Scholl geprägt ist. Man
könnte fast den Eindruck bekommen, dass die seitdem in Deutschland
erschienenen Werke lediglich Abschriften davon sind. Dabei ist es nicht
so, dass Jürgen Wittenstein nicht selbst die Initiative ergriffen
hätte und auf Fehler aufmerksam gemacht oder sich zum Gespräch
angeboten hätte. Diese Vorschläge wollte nur niemand annehmen.
Die Amerikanerin Ruth Sachs
schreibt seit mehreren Jahren an einer Forschungsarbeit über die Weiße
Rose. Wittenstein meint, dass dieses Buch das einzige authentische werden
wird, das die Geschichte der Weißen Rose objektiv und sachlich richtig
darstellt. Inge Scholl hat Ruth Sachs nicht ermöglicht, in ihrem Archiv
zu arbeiten.
Worum geht es dabei also? Mittlerweile
hat schließlich auch die Forschung erkannt, dass die Rolle der Geschwister
Scholl unverhältnismäßig überbetont wurde, dass sie
genau dasselbe getan haben, wie beispielsweise Christoph Probst, Alexander
Schmorell und eben auch Jürgen Wittenstein.
Trotzdem wird die Geschichte
der Weißen Rose immer wieder falsch dargestellt. Beispielsweise wird
Hans Leipelt oft als Mitglied der Widerstandgruppe bezeichnet. Jürgen
Wittenstein kannte ihn persönlich recht gut, er wurde, wie andere
Freunde von Wittenstein, darunter Hildegard Brücher und Bernd Witkop,
als "Halbjuden" von dem Nobelpreisträger Prof. Wieland in seinem chemischen
Institut geschützt. Wittenstein schätzte Leipelt wegen seiner
Intelligenz und klaren politischen Einstellung. Doch Leipelt gehörte
nie der Weißen Rose an und kannte auch, außer Wittenstein,
von dem er aber nicht wusste, dass er dazugehörte, kein Mitglied der
Weißen Rose. Er gehörte einer Hamburger Widerstandsgruppe an,
die radikales Vorgehen plante und beispielsweise eine Brücke sprengen
wollte. Gemeinsam mit seiner Freundin vervielfältigte und verteilte
er ein Flugblatt der Weißen Rose und verbreitete damit das Gedankengut
der Gruppe. Auch er handelte konsequent nach seiner Überzeugung und
es gebührt ihm natürlich dafür geehrt zu werden, aber dass
er als Mitglied der Weißen Rose subsumiert wird, wie übrigens
auch in der Gedenkstätte der Universität München, ist ganz
einfach falsch.
Es ist der schlampige und oft
lieblose Umgang mit der Geschichte, der Jürgen Wittenstein schmerzt.
Er erzählt als weiteres Beispiel von einer Ausstellung über den
deutschen Widerstand im Dritten Reich, die in Deutschland konzipiert wurde
und durch die USA wanderte. Freunde aus Washington berichteten Wittenstein,
dass darin unter anderem seine Fotos der Weißen Rose gezeigt wurden,
wobei die Bilder jedoch teilweise falsch beschriftet wurden. Wittenstein
schrieb sofort an die Ausstellungsmacher und bat um Richtigstellung, was
nicht geschah. Als die Ausstellung schließlich in Los Angeles ankam,
waren die Beschriftungen noch immer falsch. Wittenstein griff kurzer Hand
zum Filzstift, strich die falschen Namen durch und schrieb mit der Hand
die richtigen Namen unter seine Bilder. In seinem Vortrag bei der Eröffnung
der Ausstellung gab Wittenstein dann seiner Befremdung und Besorgnis darüber
Ausdruck, dass mehrere wichtige Widerstandsbewegungen überhaupt nicht
erwähnt wurden, darunter die Freiheitsaktion Bayern, der z.B. München
u.a. verdankt, nicht völlig zerstört worden zu sein. Die für
die Ausstellung Verantwortlichen griffen Wittenstein daraufhin an, worauf
eine amerikanische Journalistin kommentierte: "Once a rebel, always a rebel!"
Natürlich ändert
eine falsche Bildunterschrift nichts an den Tatsachen. Aber: Der schlampige
Umgang mit der Geschichte schmerzt. Und wenn es jemanden gibt, der auf
Fehler aufmerksam macht und diese werden nicht behoben, dann lässt
das vermuten, dass es den Ausstellungsmachern nicht wichtig erscheint.
Dabei geht es um mehr als die Tatsache, dass damit das Andenken derer,
die beispielsweise durch diese Ausstellung geehrt werden sollen, mehr als
missachtet wird. Gerade junge Menschen haben oft ein feines Gespür
dafür, wie eine solche Ausstellung gemacht wurde. Die Lieblosigkeit
und die Ungenauigkeiten strahlen im Endeffekt auch eine Missachtung der
Taten des Widerstandes aus.
"Was ich mir zur Lebensaufgabe
gemacht habe, die restliche Zeit, die mir noch verbleibt, ist dafür
zu sorgen, dass man dem Andenken meiner toten Freunde gerecht wird", meinte
Jürgen Wittenstein am Ende unseres Gespräches. Und genau das
ist wahrscheinlich auch das Problem, das man in Deutschland mit ihm hat.
Denn er lässt keine Ungenauigkeiten zu, er deckt Fehler auf und wehrt
sich. Jürgen Wittenstein ist damit ein unbequemer Mensch, auch für
das heutige Deutschland.
Jürgen Wittenstein schmerzt
besonders, dass im Laufe der Jahre die Weiße Rose zum Synonym mit
nur den Geschwistern Scholl wurde, während die anderen vier Hingerichteten
wenn überhaupt, dann nur als Randfiguren erwähnt werden. "Diese
vier Menschen waren im gleichen Maße beteiligt, haben ihr Leben genauso
aufs Spiel gesetzt und ihre Überzeugung und ihr Handeln ebenfalls
mit dem Leben bezahlt. Darum habe ich es mir für die mir noch verbleibenden
Jahre zur Aufgabe gemacht, alles daranzusetzen, damit man dem Andenken
dieser vier gerecht wird: Prof. Huber, Willi Graf, Alexander Schmorell
und Christoph Probst."
Christel und Jürgen Wittenstein
sprachen
Andrea Übelhack, Eva
Ehrlich und David Gall.
Kontakt: hagalil@hagalil.com / 0179-1121546
1995/96/97/98/99/2000/01 © by haGalil onLine®
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