Weiße Rose

"Das war der reinste Selbstmord"

Die "Weiße Rose" gilt als eine der wichtigsten Widerstandsgruppen gegen das NS-Regime. Am 9. Mai wäre Mitstreiterin Sophie Scholl 80 Jahre alt geworden. Forscher rätseln noch heute, warum die Studenten mit einer offenen Flugblattaktion ihr Leben riskierten.
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Gemeinsam mit ihrem Bruder Hans warf sie am 18. Februar 1943 aufrührerische Flugblätter in den Lichthof der Münchner Universität: Sophie Scholl, am 9. Mai 1921 geboren, war unvorsichtig. Das sechste Flugblatt wurde dem studentischen Widerstand gegen Hitler um die Geschwister Scholl zum Verhängnis. Nach Ansicht des Historikers Prof. Hans Mommsen ist es eine noch offene Forschungsfrage, wieso die Studenten, die vorher ihre Flugblätter per Post verschickten, plötzlich alle Vorsicht fahren ließen. "Das Problem ist eigentlich, warum sie diese Aktion machten", sagt Mommsen, "das war der reinste Selbstmord."

Tatsächlich wurden die 21-jährige Sophie, Studentin der Biologie und Philosophie und ihr 24-jähriger Bruder sofort verhaftet und nur vier Tage später nach einem Schnellverfahren hingerichtet - der berüchtigte Volksgerichtshof-Präsident Roland Freisler machte kurzen Prozess. "Unsere Köpfe rollen heute, aber Ihre rollen auch noch", rief Sophie Scholl mutig ihren Richtern zu. Auch ihre Kommilitonen Alexander Schmorell, Willi Graf, Christoph Probst sowie Philosophieprofessor Kurt Huber wurden zum Tode verurteilt.

Klar ist für Mommsen, dass die Geschwister nicht aus allgemeinen ethischen oder dezidiert politischen Überlegungen handelten, sondern aus religiöser Überzeugung. "Sie hatten das Gefühl, dass Hitler der Antichrist ist", so der Wissenschaftler.

Das sieht Peter Steinbach, Historiker und Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin, anders. Die Geschwister Scholl und ihre Mitstreiter hätten Verantwortung der Deutschen für die Politik gefordert und dies auch staatsphilosophisch begründet: "Diese Gruppe handelte wirklich politisch."

Setzten sich Geschwister Scholl
aus Verzweiflung der Gefahr aus?

Steinbach hat auch eine Vermutung, warum die Geschwister bei der Verteilung des letzten Flugblatts ein so hohes Risiko eingingen. Ein Mitglied der Weißen Rose, Hans Hirzel - er kandidierte 1994 ausgerechnet für die Republikaner für das Amt des Bundespräsidenten - sei am 17. Februar von der Ulmer Gestapo zum Verhör vorgeladen worden und habe nicht dicht gehalten. Wenn Sophie Scholl dies gewusst habe, wäre die Aktion ein bewusstes Zeichen an die Öffentlichkeit gewesen, eine "Verzweiflungsaktion".
Ebenfalls von den Nazis ermordet: Hans SchollEbenfalls von den Nazis ermordet: Hans Scholl

Die "Weiße Rose Stiftung", ein Zusammenschluss von überlebenden Mitgliedern der Gruppe und Angehörigen der Widerstandskämpfer, hält Steinbachs Darstellung für abwegig. Hirzel habe an die Gestapo nichts verraten, betont die Stiftung unter Berufung auf eine historische Quelle: "Hans Hirzel hat nach seinem Gestapo-Verhör in Ulm die Familie Scholl angerufen und Inge Scholl dringlich gebeten, sofort ihre Geschwister anzurufen und zu warnen. Leider misslang das."

In den Vernehmungsprotokollen ist festgehalten, dass Hans Scholl noch auf dem Schafott "Es lebe die Freiheit" rief. Westdeutsche Historiker glaubten diese Dokumente, die später in den Archiven der Staatssicherheit und des DDR-Innenministeriums gefunden worden, lange verschollen. Laut Steinbach hielt die DDR-Führung sie bewusst unter Verschluss: "Sie hatten Angst davor", denn daran hätten sich DDR-Widerstandsgruppen ein Beispiel nehmen können, meint der Historiker.

Früh verurteilte die Weiße Rose den Mord an Juden

Einig sind sich Mommsen und Steinbach, dass durch die Auswertung der Protokolle der Blick auf die "Weiße Rose" realistischer wird. Man müsse "von so einer Heiligenverehrung weg", sagt Steinbach. Gleichwohl hätten die Geschwister Scholl und ihre Mitstreiter "Vorbildfunktion". Und Mommsen erinnert daran, dass die Gruppe um Hans und Sophie Scholl nahezu die einzige Widerstandsgruppe gewesen sei, die den Mord an den Juden angesprochen habe: "Das ist das große Verdienst."

So hieß es schon im zweiten Flugblatt der Gruppe, das sie im Sommer 1942 in München an etwa 100 Menschen verschickte: "Nur als Beispiel wollen wir die Tatsache kurz anführen, die Tatsache, dass seit der Eroberung Polens dreihunderttausend Juden in diesem Land auf bestialische Art ermordet worden sind." Hans und Sophie Scholl hatten eine Gruppe von rund einem Dutzend gleich gesinnter Studenten um sich geschart, waren aber, wie Mommsen betont, "keine konspirative Organisation". Mit ihren Flugblättern riefen sie zum "passiven Widerstand" gegen Hitlers verbrecherische Kriegsführung auf.

In der Forschung blieb lange Zeit unbeachtet, dass die "Weiße Rose" ihren Aktionsradius über München hinaus erweitert hatte. So tauchten ihre Flugblätter auch in Freiburg und in Hamburg auf. "Die Weiße Rose zu isoliert von anderen Widerstandsgruppen zu sehen, geht nicht an", sagt Steinbach.

Von Heidrun Holzbach, dpa

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