Werner Herzog: Der Mensch Kaspar Hauser
 
Herzogs Interesse an der Kaspar-Hauser-Geschichte scheint von der emotionalen und intellektuellen Entwicklung des Findlings nach seinem Erscheinen in die vom Regisseur "N." genannte Stadt geweckt worden zu sein. Denn der Regisseur konzentriert sich hauptsächlich auf Kaspars Erfahrungen, die er während seiner Integration in die Gemeinschaft macht. Herzog beginnt die Geschichte kurz vor Kaspars Auftauchen in N. und beschäftigt sich zunächst mit der Darstellung der Charakteristika, die Kaspar von den anderen Menschen unterscheiden. Als nächstes wird die Entwicklung von Kaspars Weltanschauung als diejenige eines eigenständigen Menschen verfolgt. Dabei vergißt Herzog nicht, uns zu zeigen, wie sowohl die Gemeinschaft als auch die Gesellschaft den Findling empfindet.
 

Kaspars Leben bevor N.

Die ersten Aufnahmen zeigen ein segelndes Boot im Wasser, ein Frauengesicht, einen Turm und eine am Fluß Kleider waschende Frau, während das Ganze von einer beruhigenden, herrlichen Musik begleitet wird. Nach diesen Bildern des alltäglichen Lebens im Freien führt Herzog den Zuschauer in die bekannte Geschichte des Kaspar Hauser mit einem den Kontext erklärenden Text ein. Schon durch diese den Tatsachen ziemlich genau entsprechende Einleitung wird der starke Kontrast zwischen der Anfangsszene und Kaspars beraubtem Leben hervorgehoben. Gleichzeitig erfaßt Herzog auch die ganze Vorgeschichte von dem, was er in seinem Film zeigt, und baut dadurch eine chronologische Entwicklung auf. Indem er aber Kaspars Erscheinung für den Pfingstsonntag, und nicht wie in Wirklichkeit den Pfingstmontag angibt, deutet er schon darauf hin, daß dieser Film nur eine von vielen möglichen Interpretationen der bekannten Geschichte ist.

 

 
 
 
 
Die Aufnahmen von Kaspar in dem Gefängnis selbst sind sehr dunkel: Das Gesicht Kaspars ist sehr selten und nur kurz zu sehen sowie dasjenige eines Mannes, der dem Findling schreiben und sprechen beibringt. Einige Zeit besteht das Bild nur aus Dunkelheit. Es gibt keine Musik oder Geräusche außer den diegetischen, d.h. durch das Geschehen verursachten, z. B. wenn Kaspar ißt oder mit dem Roß auf dem Boden hin und herrollt. Durch diese Aufnahmen erzeugt Herzog ein realistisches Gefühl von der bedrückenden Dunkelheit, von der Länge der Stunden und der Stille. Der Zuschauer wird sich dessen bewußt, was der von allem menschlichen Kontakt entfernte Kaspar erlebt haben soll.

 
 
 
 
 
Die nächsten Szenen verfolgen Kaspars Verschleppung nach N. durch den Unbekannten. Die beiden Figuren erscheinen als Silhouetten--der Mann trägt Kaspar auf seinem Rücken--in deren Hintergrund helle Landschaften zu sehen sind. Die Identität der beiden geht verloren, während die breiten Felder und übersehbaren Berge dem Zuschauer ein Freiheitsgefühl geben, das Kaspar seinerseits noch nie empfunden hat.
 
Die Landschaftsaufnahmen ähneln gemahlten Bildern und dienen somit als ein zweiter Hinweis des Regisseurs darauf, daß dieser Film nur eine der möglichen Geschichten ist. Denn wie die Gemälde die Landschaft aus einer bestimmten Perspektive darstellen, so wird Kaspars Geschichte hier aus einer selbständigen Perspektive wiedergegeben.

 

 

 
Am Ende der Reise macht Herzog den Übergang von dem bisherigen Leben des Gefangenen, der Vergangenheit, zu seinem neuen Leben unter anderen Menschen, der Zukunft, durch ein symbolisches Bild deutlich, das den Tod des "alten" Kaspar andeutet. Die letzte Aufnahme, bevor uns die Kamera nach N. führt, zeigt den vom Gehen erschöpften, auf der Erde liegenden Kaspar und den neben ihm sitzenden Unbekannten, dessen Silhoutte an ein Kreuz erinnert. Dazu hören wir ein Requiem. Die Aufnahme ist jedoch zweideutig, denn das Kreuz wird vom Mann auf Kaspar gebildet. Dadurch wird die "tödliche" Rolle des Unbekannten erläutert, der bis zu diesem Zeitpunkt Kaspar nicht zu leben erlaubt, also ihn "tot" gehalten hat. Dieses Bild gewinnt durch seine doppelte Bedeutung die zentrale Stellung eines Wendepunkts im Film.

 

Kaspars erste Zeit in N.

Herzogs Interesse an Kaspar als Menschen wird in der Darstellung des neuen Lebens des Findlings deutlich. Nichts beschäftigt Herzog mehr als die Aufgabe, Kaspars Verhältnis zu seiner Umgebung und den Menschen um ihn herum zum Ausdruck zu bringen. In der Beschreibung des Findlings macht der Regisseur all das explizit, was die Zeugenberichte von Kaspars Besonderheiten erzählt haben, nämlich seine "wilde" Natur.

 

Am Anfang konzentriert sich Herzog auf die Unterschiede zwischen Kaspar und den anderen, die das Resultat seiner Verwahrlosung sind. Als er zunächst bei der Familie des Gefängniswärters Hiltel wohnt, sitzt Kaspar ungewöhnlich gerade am Tisch, sieht die Familienmitglieder an, ohne den Körper in ihre Richtung zu drehen, und spukt das ihm übel schmeckende Essen auf den Tisch aus. Er kann kaum sprechen und spricht wiederholt das Wort "leer" Hiltel und seinem Sohn nach, ohne aber die richtige Bedeutung des Wortes sofort verstanden zu haben. 

 
Später sehen wir ihn mit dem Sohn Hiltels die Namen der Körperteile üben (s. Spiegel Motiv), erfahren aber gleich, daß seine Lernfähigkeit noch ziemlich begrenzt ist. Denn er kann sich ein ganzes Gedicht, das ein Mädchen ihm beizubringen versucht, nicht merken. Dazu spricht Kaspar alle Wörter abgehackt und mit seltsamer Intonation aus. Zur gleichen Zeit muß er sich immer noch von anderen baden lassen.
 

Weiter kommen andere merkwürdige Charakteristika Kaspars vor die Kamera. Es wird festgestellt, daß der Findling keine Angst vor dem Schwert des Rittmeisters hat, als der letztere um Hauser herum unsichtbare Gegner schlägt-Kaspar sitzt, ohne sich zu bewegen und kaut, den Blick in den Raum hinter dem Rittmeister gerichtet. Gleich danach greift er nach der Flamme einer Kerze, die ihm der Rittmeister bringt, und verbrennt sich. Diese Aufnahmen zeigen seinen Mangel an jeglicher Erfahrung mit Gut und Böse. Um Kaspars totale Ahnungslosigkeit in dieser
Hinsicht weiter zu betonen, läßt ihn Herzog in der nächsten Szene sich vor einem Huhn fürchten.

 

Kaspar verfolgt neugierig die Flamme
Er weint, nachdem er sich verbrannt hat
Kaspar fürchtet sich vor einem Hunh

 

Kaspars intellektuelle Entwicklung

Mit der intellektuellen Entwicklung Kaspars beschäftigt sich Herzog ungefähr zwei Jahre nach des Findlings Erscheinen in Nürnberg. Zu diesem Zeitpunkt kann Kaspar schon gut sprechen und befindet sich auf der Ebene eines höheren Lernens. Er möchte auch Klavier spielen lernen, denn "Musik fühlt [er] stark in der Brust" und ist unglücklich, daß ihm diese Tätigkeit nicht gelingt. Seine Entwicklung ist schon weit genug, so daß die zwei Pastoren ihn von der "Gottesidee" zu überzeugen suchen, die Kaspar aber ablehnt. Seine Selbständigkeit findet Ausdruck in dieser von dem allgemein Akzeptierten abweichenden Meinung über Religion.

Kaspar glaubt weder an die schaffende Macht Gottes noch an einen unlebendigen Apfel. Der Findling hat im Unterschied zu den anderen Kindern das allgemeine Wissen nicht erhalten,
das ihm klarmachen würde, daß ein Apfel weder denken noch entscheiden kann. Trotz dieses Mangels ist Kaspar des Denkens fähig, was er dem Professor der Logik zeigt, indem er die per doppelte Negation zu lösende logische Frage scherzhaft beantwortet. Seine Lösung, obwohl sie von dem Professor nicht akzeptiert werden kann, scheint sinnvoll zu sein (s. Garten Motiv).

 

 

Gesellschaftliche und gemeinschaftliche Einstellung zu Kaspar

Die gesellschaftliche Meinung über Kaspar stellt Herzog dar, indem er klarmacht, wie wenig die Menschen an Kaspars Schicksal anders als aus reiner Neugier interessiert waren und wie wenig sie ihn verstanden.

Kurz nachdem er in N. ankommt, wird Kaspar zur Entlastung der städtischen Kasse auf den Jahrmarkt geschickt, wo er zusammen mit anderen "Welträtseln" so auftritt, wie er an seinem ersten Tag in N. aufgefunden wurde-mit Gebetbuch und Brief und sogar mit derselben Körperhaltung. Während die anderen "Rätsel" mehr oder weniger exotische Figuren darstellen, die aber sie selbst nicht sind, spielt Kaspar in den Vorstellungen sich selbst und hat somit einen höheren Zeigenswert. Die Szene auf dem Jahrmarkt fasst eine allgemeine Einstellung zu Kaspar zusammen, der als "Rätsel" und merkwürdige Erscheinung angesehen wird und bringt zugleich den Voyertum der Menschen in Vordergrund. Denn Kaspar, selbst ein Mensch, dient anderen Menschen zur Unterhaltung, indem er sich ihnen zeigt, da er für sie alles ungewöhnliche, was nicht jeden Tag zu sehen, wild, und unverständlich ist, verkörpert (s. Jahrmarkt Motiv).

Die vier Welträtsel

 
Der kleine König
 
Der junge Mozart
 
Hombrecito, der Indianer
 
Kaspar Hauser, das Kind Europas

Diese Meinung teilt auch die feinere Gesellschaft, in die der Findling dem Interesse des englischen Grafen Stanhope entsprechend eingeführt wird. Dabei scheint der Lord nur deswegen an Kaspars Schicksal interessert zu sein, da er durch das gesellschaftlich vorgeführte Engagement für einen Unglücklichen sich als einen "besseren" Menschen zeigen kann. Zuerst sind alle Anwesenden von dem seltsamen Menschen beeindruckt oder mindestens auf irgendeine Weise angezogen, da sie den Hauptinteressenten, Stanhope, zufriedenstellen wollen. Als sie entdecken, mit welcher "unkultivierten" Tätigkeit Kaspar sich beschäftigt hat, dem Stricken, sind alle entsetzt und wollen nichts mehr mit ihm zu tun haben.

Die irrige Einstellung der Gemeinde zu Kaspar wird durch die letzte Szene, die Obduktion Kaspars, zusammengefasst. Denn die Beamten glauben, in dem anormal entwickelten Gehirn eine Erklärung für diesen "befremdlichen" Menschen gefunden zu haben. Die Lächerlichkeit dieser Schlußfolgerung bestätigt erneut die Unfähigkeit von Kaspars Mitmenschen, ihn nicht als Objekt und "Rätsel", sondern als einen Menschen zu verstehen.

 
 
 
 
 
 
Handlung
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