Edward Rothe: Der (un)schuldige Kaspar
 
 
Wie bei Herzog scheint auch hier das Interesse des Filmemachers von dem Menschen Kaspar provoziert worden zu sein. Jedoch entwickelt sich hier das Geschehen auf einer abstrakteren Ebene als bei Herzog, Sehr oder Kellino. Kaspars Unschuld und Unwissenheit beschäftigen den Regisseur als die Ursachen für die nicht zustandegekommene Integration des Findlings in die Gesellschaft. Kaspar wird als der Außenseiter dargestellt, der aufgrund seiner Unterschiedlichkeit mit den Menschen nicht gut umgehen kann. Um das zu verdeutlichen, entwickelt Rothe das vom Titel schon angedeutete Spielmotiv, indem er hauptsächlich die Sprache als wichtigstes Instrument anwendet. Rothe läßt Kaspar an "Spielen" mit seinen Mitmenschen in verschiedenen Situationen teilnehmen, in denen sich der Findling als der Spielverderber ergibt. Ihm fehlt das Wissen, das ihm das Spielen mit den anderen ermöglichen würde. Die Spielregeln sollten ihm seine Mitmenschen erklären, die aber durch Kaspars ahnungsloses Wesen, das sie nicht unbedingt mit Recht als "unschuldig" verstehen, die Richtigkeit ihrer eigenen Existenz hinterfragt sehen und infolgedessen sich von Kaspar distanzieren.
 
 
Das Spielmotiv
 
Die unten analysierten Szenen bauen im Film konsequent Kaspars Beziehungen zu verschiedenen Mitgliedern der Gemeinschfat und Gesellschaft auf.
 
 
Am Spielplatz
 
Kurz nach seinem Erscheinen in Nürnberg kommt Kaspar auf ein Spielplatz mit vielen laut herumlaufenden Kindern. Sie laden ihn ein, mitzuspielen, aber Kaspar versteht den Sinn des Spieles "X" nicht. Er denkt, die Kinder wollen einem von ihnen wehtun. Kaspars hörbare Gedanken erlauben dem Zuschauer, die Unterschiede zwischen Kaspars Vorstellung von der Umgebung und derjenigen der anderen Menschen zu verstehen. Die Kinder ihrerseits verstehen Kaspars merkwürdiges Benehmen auch nicht, da sie einen Erwachsenen vor sich sehen, der doch mehr als sie wissen sollte. Sie nehmen an, er kennt die Regeln, und halten es für unnötig, ihm etwas zu erklären, was für Kaspar gleich eine Einweihung wäre. Eine effektive
 
 
Kaspar mit den Kindern
Kommunikation zwischen Kaspar und den Kindern ist wegen der "Unschuld" im Sinne um "Unwissenheit" beider Seiten unmöglich. Als Resultat wird Kaspar nicht akzeptiert, da er den Kindern das Spiel verdirbt, indem er das Kind zu schützen versucht.Obwohl die Kinder ihn zuerst respektvoll mit "Sie" ansprechen und ihn zum Spielen einladen, lachen sie ihn am Ende aus und verstoßen ihn.
 
 
Der Professor und die Gelehrten
 
Während der ersten Zeit nach seiner Erscheinung lebt Kaspar bei einem Professor, der an ihm als Forschungsobjekt interessiert ist. In der ausgewählten Szene stellt der Professor Kaspar zwei Gelehrten vor und erklärt ihnen die besonderen physischen Charakteristika seines Anvertrauten. Die Szene erinnert an eine Demonstration, an ein "live" Experiment, das vom Professor durchgeführt wird. Seine Aussagen gleichen einem Minivortrag zum Thema "Kaspar und seine für die Wissenschaft höchst interessante Entwicklung", den er mit einer Stimme vorträgt, die große Geheimnisse zu verraten verspricht. Zuerst führt er die beiden Männer in den Kontext der Geschichte von Kaspars Leben im Gefängnis ein, durch den des Findlings merkwürdige Charakteristika leichter zu verstehen sind. Dabei
 
 
Kaspar als Untersuchungsobjekt vom Professor
schreibt sich einer der Gelehrten, die nicht weniger von Kaspars Bedeutung für die Wissenschaft erregt sind, Notizen auf, die ihm später beim Nachdenke helfen sollen. Als der Professor die Besonderheiten Kaspars erklärt, ist dieser eng von den drei Männern umkreist, die ihn nicht aus dem Auge lassen.Insgesamt erinnert die Stellung an Kinder, die mit einem kleinen, auf dem Boden kriechenden Tier spielen. Dabei ist Kaspar deutlich die passive Figur, das Spielzeug, derjenige, der weder stark genug ist, um sich vor diesem nicht so netten Spiel zu schützen, noch ahnt, daß er sich dem Professor und seinen Begleitern nicht zuunterziehen hat. Diese Rollenstellung wird noch stärker, indem der Professor Kaspars schmerzhafte Reaktionen auf Licht und harschen Ton verursacht und mit höchster Zufriedenheit beobachtet. Im Namen der Forschung erlebt das Forschungsobjekt nicht gerade angenehme Experimente, die man gewöhnlich einem Menschen nicht antun sollte (s. Kaspars Mitmenschen über Kaspar: ist er ein Mensch?)
 

Das Mädchen

An einer anderen Art von Spiel nimmt Kaspar in seiner Beziehung zu Frauen teil. Die junge Tochter des Stadtrates versucht, ihn durch ihre Schönheit in einen Flirt einzubeziehen. Obwohl sie sich der Frauenrolle in so einer Beziehung nicht ganz bewußt ist, hat sie sich doch wahrscheinlich aus den Gesprächen der älteren Frauen wie z.B. der Geheimrätin (s. Geheimrätin) in verschiedenen Gesellschaften ein Bild von einer Mann-Frau Beziehung machen können, was ihr mehr Wissen darüber gibt als Kaspar. In dieser Szene ist sie die Initiatorin eines intimeren Gesprächs mit Kaspar, indem sie nach seiner Meinung bezüglich ihres Aussehens fragt und danach auf seine Meinung von ihrer Schönheit eingeht. Natürlich kann Kaspar hier nicht aktiv mitspielen, da er keine Ahnung von der
 
Kaspar und die Tochter des Stadtrates
Beziehung zwischen Frauen und Männern und von deren gesellschaftlicher Bedeutung hat. Erneut macht er passiv mit, was von ihm verlangt wird. Das Mädchen aber nimmt an, daß Kaspar, der wie ein Mann aussieht, die Regeln des Spieles kennt und auch dessen Sinn versteht. Idealerweise hätte sie ihm die Regeln erklärt, die gesellschaftlichen Normen erlauben ihr dies nicht.
 
Es ist aber bemerkenswert, daß die Tochter des Stadtrates, auch wenn sie Kaspar etwas ganz Gewöhnliches, ihm aber Unbewußtes erklären könnte, sie das nicht tut, wobei die möglichen Gründe dafür von besonderem Interesse sind. Die Episode mit dem Spiegel gibt ihr die Möglichkeit, dem allgemein als bisher verwahrlost gewesen bekannten Menschen zu helfen, indem sie ihm von der Funktion eines Spiegels erzählt. Es ist klar, daß sie seine Verwirrung vom Spiegel
versteht, aber ihre Erklärung, "... Das waren doch Sie, Hauser, Sie selbst...", ist ungenügend. In gewissem Sinne nutzt sie die Situation aus, um ihre Frauenrolle nach den Gesetzen weiterzuspielen, die eine Situation wie diese vielleicht als "zu weit gebrachten Flirt" bezeichnen würden. Im Endeffekt ist der unwissende und passive Kaspar auf seltsame Weise zum Angreifer geworden.
 
 
Die Geheimrätin und der Graf
 
An einigen Stellen im Film wird Kaspars eigene Vorstellung von seiner Beziehung zu den Menschen verdeutlicht. Als er von der Geheimrätin gefragt wird, ob er glücklich ist, lautet seine Antwort, er wisse nicht, was die Menschen von ihm wollten. Er müsse so wie die anderen sein, aber er verstehe nicht, was das heiße. Es wird klar, daß Kaspar durch seine Erfahrungen mit den anderen Menschen, die nicht viel anders als die oben erläuterten Beispiele sein können, verunsichert und verwirrt ist. Seine Unwissenheit und sein Anderssein hindern ihn an seiner Integration in die Gemeinschaft, und die Menschen helfen ihn auch nicht. Selbst das Interesse der Stadträtin in dieser Situation läuft auf ein Spiel hinaus--sie wird nicht diejenige sein, die ihm die Regeln, an die er sich halten sollte, um so wie die anderen zu sein, verraten wird.
 
 
Kaspar und die Geheimrätin
 
Kaspar und der Graf vor dessen Abreise
 
Kurz vor dem Filmende sieht der Zuschauer Kaspar in einer ähnlichen Situation mit dem Grafen, seinem Pflegevater. Zu diesem Zeitpunkt hat der Findling schon gelernt, daß er anders ist und nie wie die anderen sein wird. Hier wird auch ein Spiel gespielt: Der Graf sagt, er werde für einige Zeit verreisen. Das wirkliche Vorhaben des Grafen, Kaspar zu verlassen, durchschaut dieser sofort, und auf den Versuch seines Pflegevaters, sich zu rechfertigen, antwortet Kaspar: "...die anderen...ihr seid klug, zu klug, um es zu sagen [wenn sie Kaspar verlassen wollen], zu klug um es zu denken. Ihr habt es gelernt, ich lerne es nicht mehr." Kaspar versteht, daß er sich nicht anpassen kann und daß er leider nicht and dem Lebensspiel der anderen teilnehmen kann.

In allen Spielen im ganzen Film ist Kaspar der Unwissende, der passive Mitspieler. Vielmehr ist er aber auch ein unschuldiges Opfer aller seiner Gegner, die ihn in ein Spiel hineinziehen, das deswegen unfair ist, weil die Wissenden dem Unwissenden die Regeln nicht erklären. Kaspars Unschuld beruht auf dem Mangel seinerseits an jeglicher Intention und Fähigkeit, die anderen auf die eine oder andere Weise zu benachteiligen.

 

Kaspars Mitmenschen über Kaspar: Ist er ein Mensch?
 
Die Perzeption der Gemeinde von Kaspars als Außenseiter findet ihren Höhepunkt in der Vorstellung, daß er kein richtiger Mensch sei, hauptsächlich weil er durch seine Verwahrlosung die Charakteristika eines "normalen" Erwachsenen nicht hat entwickeln können. Dies wird am Anfang des Filmes in der Spielplatz-Szene nur impliziert, danach aber auch explizit gesagt.
 
Einer der Gelehrten, die sich vom Professor Kaspar zeigen lassen, behauptet, daß die vom Professor vorgehabte "Heilung" des Findlings, wobei die Integration dessen in die Gemeinschaft zu verstehen ist, unmöglich wäre, nicht zuletzt weil Kaspar kein "Herr", d.h. kein richtiger Mensch sei.

Noch direkter drückt sich der Stadtrat aus, als er mit seiner Frau über seine Tochter und Kaspar spricht. Die Frage, "Ist das überhaupt ein Mensch?" stützt sich auf die Unmöglichkeit der potentiellen Aufgabe, Kaspar zur Heirat zu zwingen, weil er nicht das Denken eines Erwachsenen hat. Die Stadträtin stimmt ihrem Manne zu, indem sie sagt, Kaspar sei doch gar kein Mann.
 
 

 

Gelehrter über Kaspar

 

Der Stadrat und die Stadträtin
 
Die Einstellung der Menschen zu Kaspar wird durch solche von seinem Anderssein provozierten Gedanken indirekt von einer feindlichen Vorstellung beeinflußt, derjenigen gegen die Außenseiter, die sich von der Masse deutlich unterscheiden.
 
 
Der (un)schuldige Kaspar
 

 Das Thema der Unschuld wird im Film sehr oft angesprochen. In bezug auf Kaspar wird das Wort im Sinne von "Unwissenheit", "moralischer Reinlichkeit" und Schuld wie in "jemandem etwas schulden" benutzt.

Für den ersten Fall könnte man die Aussage der Stadträtin als Beispiel sehen, die von den "unschuldigen" Kindern spricht, die "so ahnungslos" sind (s. Sequenz). Als Beispiel der zweiten Bedeutung könnte die Aussage der Mutter des Justizrats dienen, in dessen Haus Kaspar nach seinem Aufenthalt bei dem Professor wohnt (s. Hauptdarsteller). Die Mutter ist aufgeregt, weil sie den merkwürdigen, außergewöhnlichen Kaspar nicht unter ihrem Dach haben will, da er schon viel Getummel in der Stadt verursacht hat. Dabei erwähnt sie die Geschichte mit der Tochter des Stadtrates (s. Sequenz). Der Justizrat ist der Meinung, Kaspar sei an der Geschichte unschuldig

 

Gespräch mit dem Pfarrer
gewesen, worauf die Mutter folgendes antwortet: "...die Unschuldigen...Das sind immer die Schlimmsten..." Die Frau hält Kaspar nicht für schuldig, aber sie sieht gerade seine Unschuld als gefährlich an, weil diese mit seiner aus der Sicht der Gesellschaft problematischen Unterschiedlichkeit verbunden ist.
 
Während die ersten zwei Bedeutungen die Perzeption von Kaspar als anders, verschieden erläutern, wird die dritte am Ende des Filmes zur Erklärung der unmöglichen Integration Kaspars in die Gemeinschaft und somit zu einer Art Zusammenfassung der wichtigsten Idee des Filmes benutzt. Während Kaspars Besuch beim Pfarrer befaßt sich dieser mit der Beziehung Kaspars zu der Gemeinde und bringt alle Elemente von diesem schwierigen Verhältnis zusammen. Der Pfarrer spricht Kaspars Anderssein und die Notwendigkeit an, daß der junge Mensch sich den Anderen anpaßt. Er macht klar, daß die Menschen in Kaspar eine alternative Existenz sehen, die sehr anders ist als ihre. Sie sehen auch, daß er rein, natürlich, einfach und von keinen bösen Gedanken verdorben ist. Und dann bekommen sie Angst, daß ihre Existenz nicht die richtige ist, daß sie anders sein sollte. Dieser Gedanke verdirbt ihnen die Bequemlichkeit, oder wie der Film dies ausdrückt, das Spiel, so daß sie Kaspar, den Spielverderber, zu verstoßen versuchen.
 
 
 
 
 
Handlung
| The Mystery of Caspar Hauser | Der Spielverderber | Jeder für sich und Gott gegen alle | Kaspar Hauser |
Analyse
| Kellino Analyse | Kellino-Wassermann | Rothe Analyse | Herzog Analyse | Sehr Analyse | Sehr Kamera |
Motivvergleich
Gartenmotiv | Jahrmarktmotiv | Spiegelmotiv |
Allgemein
| Index | Bibliographie | 325 Projekte |