Peter Sehr: Politische Motivationen

Das historische Rätsel um Kaspar Hauser, der 1828 in Nürnberg mit unbekannter Herkunft auftaucht, wurde bereits viermal verfilmt. Peter Sehrs Kaspar Hauser, die letzte Version, bleibt näher an neuen Interpretationen, nämlich den politischen Motivationen, einen Jungen zwölf Jahre ohne jeden Kontakt einzusperren. Sehrs Darstellung ist psychologisch komplex, ganz ausführlich und stützt sich auf historische Information, die kürzlich entdeckt wurde. Die Intrigen am Badischen Hof, die Auseinandersetzungen mit Bayern um die Pfalz bilden das Spiel der Mächte, in dem der liebenswerte Kaspar ein hilfloses Nichts ist.

Der Film ist ein politischer Krimi. Auch wenn er Kaspars Herkunft frühzeitig bekannt gibt, hält Sehr neben dem Mitgefühl eine große Spannung aufrecht. Sehr stellt die Prinzentheorie genau vor: Hauser sei der Sohn des Großherzogs Karl von Baden gewesen, der wegen einer dynastischen Verschwörung um die Erbfolge mit einem toten Kinde vertauscht worden sei. Die Aufträger des Mordes werden in den Kreisen vermutet, deren dynastische Ansprüche nicht eindeutig abgesichert waren. Das betraf neben kleineren Fürstenhäusern vor allem das Haus Baden ebenso wie das wiedereingesetzte Haus der Bourbonen in Frankreich. Sehrs Film bestätigt das Gerücht, Kaspar sei der Erbprinz von Baden gewesen, der von der Gräfin Luise von Hochberg zur Sicherung ihrer Erbfolge beseitigt wurde.

Luise Reichsgräfin von Hochberg

Im Zentrum der politischen Motivationen ist Luise, Reichsgräfin von Hochberg. Die ersten Aufnahmen zeigen Luise als eine mächtige Figur, die stark in die Kindesvertauschung verwickelt ist. Ganz eindeutig sind die schwarzen Kostüme, die sie trägt.

 

 

Luise

 

 

 

 

Im Gegensatz zu Luise stehen die Babys, deren weiße Kleidung die Unschuld und Reinheit des Kleinkinds Kaspar verstärken. Luise spielt auch eine sexuell groteske Mutterrolle. Ihre Sorge für ihren Sohn soll ihre Hauptmotivation sein--sie will ihn zum Kronpriz von Baden machen. Sie schmuggelt das Baby unter ihrem Kleid hinaus--demselben Kleid, das sie in den Aufnahmen von ihrer sexuellen Beziehung zu Ludwig trägt.

 
Farben
 
Sehr benutzt starke, kontrastierende Farben, um besondere Ideen hervorzuheben. Rot wird in dem Haus Baden oft gezeigt. Rot zeigt den Reichtum und die hohe Stellung der Familie, aber rot ist auch die Farbe für Blut. Sehr macht Anspielungen auf das "königliche" Blut und das Blut, das gießt, um die Familie zu schützen.
 
Luise trägt schwarz bis an das Ende ihres Lebens und weiß erst, bevor sie stirbt. Es ist erst dann, als sie im Totenbett liegt, daß sie die Wahrheit erzählt. In dem weißen Zimmer mit einem Kreuz an der Wand erzählt sie Sophie, der Frau ihres Sohnes Leopold, daß sie keine Ahnung habe, wo Kaspar sei.
Sophie: "Ludwig hatte die ganzen Jahre geglaubt..."
Luise: "...ich hätte ihn noch!" 
 
Farben helfen dem Regisseur, die Natur und die Gesellschaft zu unterscheiden. Grau, schwarz und weiß sind die häufigsten Farben in den Gefängisszenen. Diese Farben erschaffen starke Gefühle von kalten und sterilen Institutionen, und deshalb sehnen sich die Zuschauer nach der Natur, die mit kräftigen grünen und blauen Farben gezeigt wird. Weiß bedeutet Unschuld und Reinheit, und Kaspar trägt weiß, ehe er von der Gesellschaft verdorben wird.
 
Caroline mit der sterbenden Luise
 
 
 Kaspar schreibt seinen Namen mit Pflanzen
 
 
Kaspar vor dem Gefängnis
Sehr zeigt Kaspar im Garten, als er seinen Namen mit Pflanzen schreibt. Während Herzogs Kaspar seinen Namen in Schreibschrift schreibt, schreibt Sehrs Kaspar seinen Namen in Blockschrift. Ein Schreibakt ist ein Identitätsakt, aber Kaspars Identität verändert sich mit der Gesellschaft. Durch diese Handlung identifiziert Kaspar sich mit der Natur; sie steht im Kontrast zu den menschlichen Ideen und der Gesellschaft, die ihm aufgedrängt werden. Kaspar verbindet die Natur mit der Freiheit, weil der Mann, der einen Hut und eine Maske trägt, Kaspar aus seinem Gefängnis in den Wald bringt. In Sehrs Film ist diese Verbindung stark, da wir auch vor seiner Gefängniszeit einen kleinen Kaspar auf dem Land sehen.

 Die Brutalität der Politik

 

 

 

 

 

 
 
 

 

 

 

Sehrs Benutzen des Spiegels fungiert als Zeichen für Kaspars wachsendes Verständnis der menschlichen Erfindung und der menschlichen Welt. Es schließt beides ein, Kaspars innerliche Welt und die Gesellschaft.

 

 Kameraführung  
 
 
 
 
 
Handlung
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