- Vernehmung Kaspar Hausers vom
7.11.1829
-
- " Frage 15: Auch ihr Spiel mit den hölzernen
Rossen setzt einen Unterricht voraus, daher auch in dieser Hinsich
die Vermutung vorliegt, daß mindestens vielleicht früher
ein Mensch sich bei Ihnen eingefunden habe?
- '[...] Die hölzernen Pferde befanden
sich seit meines Gedenkens zur linken Hand meines Lagers; wie
es mir in den Sinn gekommen, damit zu spielen, kann ich mir selbst
nicht erklären, obwohl ich mich fortwährend damit beschäftigte,
die an den hölzernen Rossen befindlich gewesenen Bänder
abzulegen und wieder an die Pferde hinzulegen.'
- Frage 16: Zur näheren
Bezeichnung der in Ihrem Aufenthaltsorte befindlich gewesenen
Pferde, was können sie desfalls angeben?
- 'Die beiden Pferde waren von Holz, 8 bis
9 Zoll hoch. Doch getraue ich mir nicht zu behaupten, ob die
weiße Farbe derselben Natur oder Folge eines Anstriches
gewesen. Das eine Pferd, deren beide gleich groß gewesen
und hölzerne Schweife hatten, war mit roten, das andere
mit blauen Bändern, 7 bis 8 Stückchen an der Zahl,
belegt. Jedes Band war 10 bis 12 Zoll lang und 1 Zoll breit,
entweder aus leinen Zeug oder von Leder, und meine gnze Beschäftigung
bestand darin, diese Bandstückchen vom Rücken des Pferdes
herab- und wieder hinaufzulegen [...].'" (Hörisch,
S. 70)
-
-
- Selbstbiographie (Erste Fassung, November 1828)
-
- "Ich wiel (korrigiert in: "will")
es ihnen erzählen, was ich imer gethan habe, und was ich
immer zu Essen bekom(m)en habe; und wie ich mein la(n)ge Zeit
gelebt hab: und zu gebracht; ich habe zwey spill Pferd, und ein
Hund gehabt, und so Rothe bänder wo ich die Pferd damit
Butz habe [...].
- [...] Jetzt fange ich zu spillen an, da habe
ich die Bänder runder gethan: da habe ich sehr lange gebraucht,
bis ich ein Pferd gebutz habe, wen eins Butz gewesen ist, da
habe ich wieder ein wenig Brod gessen; und da habe ich noch ein
wenig Wasser gehabt, dieses habe ich aus truncken, dan habe ich
daß zweyte Butz, da hat es auch ein so lang Zeit Dauert;
als wie mit dem ersten [...]. [A]uf einmal nimt mich der Mann,
bey der Hand, un giebt mir den Bleiweiß in die Hand, un
dhat gesagt, ich soll dieses recht gut berken, dann bekom(m)e
ich recht schöne Roß, und hat auf mein Roß hinzeigt,
solche bekomst du, wen ich das recht mercke und schön mache,
daß schreiben hat er gemeint. [U]und von dieser zeit an,
wußte, ich, wie die, Pferd heißen, da habe ich imer
gesagt wen ich spilte Roß, net, vo, lauf, du da beim [...]."
(Ebda., S. 87-9)
-
-
- Über Kaspar Hauser's Leben--Von ihm selbst geschrieben
(Selbsbiographie, zweite Fassung, Februar 1829)
-
- "Ich hatte zwei hölzerne Pferde
und einen Hund, mit denen ich mich immer unterhalten habe; ich
hatte Bänder von roth und blauer Farbe, damit putzte ich
die Pferde und den Hund, aber manchmal fielen sie herunter, weil
ich sie nicht binden konnte.
- [...] Der Mann kam zum zweitenmal, brachte
ein Büchlein mit legte es vor mich aufgeschlagen auf den
Stuhl, nahm meine Hand und fieng zu sprechen an, er deutet auf
die Pferde hin, und sage leiß: Roß etliche mal nacheinenader;
als ich dieses hörte, horchte ich lange, ich hörte
immer das nämliche; dann kam mir's in Gedanken, ich solle
es auch so machen, ich sagte auch die nämlichen Worte, nahm
ein Bändchen mit der linken Hand und sagte nochmal Roß,
weil ich mit der rechten Hand nicht hinlangen konnte, die mir
der Mann hielt; dann sagte er etlichemal: 'dieses merken' und
legte meine Hand auf's Büchlein hin, und zugleich auf die
Pferde und fuhr mit hin und wieder. Welches mir sehr wohl gefiel,
er sagte dabei: dieses nachsagen, dann bekommst du solche schöne
Roß vom Vater." (Ebda., S. 97-9)
-
- Anselm von Feuerbach: Kaspar Hauser--Verbrechen am Seelenleben
des Menschen. Ansbach 1832
-
- "Zur Bezeichnung
lebender Geschöpfe [...] hatter er bloß zwei Worte
[...]. [J]edes ihm aufstoßende Tier, vierfüßig
oder zweibeinig, Hund, Katze, Gans oder Huhn, nannte er: 'Roß'.
Waren solche Rosse weiß, so bezeigte er Wohlgefallen;
schwarze Tiere erregten ihm Widerwillen oder Furcht."
(Hörisch, S. 131)
-
- "Unter den
vielen auffallenden Erscheinungen, die sich in den ersten Tagen
und Wochen an Kaspar zeigten, bemerkte man, daß die Vorstellung
von Rossen, besonders von hölzernen Rossen,
für ihn von nicht geringer Bedeutung sein müsse. Das
Wort 'Roß' schien in seinem Wörterbuch, das kaum ein
halbes Dutzend Worte umfaßte, den allergrößten
Raum einzunehmen; dieses Wort wurde am allerhäufigsten,
bei den verschiedensten Gelegenheiten und Gegenständen,
von ihm ausgesprochen, und zwar nicht selten unter Tränen,
in wehmütig bittendem Tone, als drücke er damit die
Sehnsucht nach irgend einem Pferde aus. So oft man ihm eine Kleinigkeit,
eine glänzende Münze, ein Band ein Bildchen usw. usw.
schenkte, sprach er: Roß! Roß! und gab durch Mienen
und Gebärden den Wunsch zu erkennen, diese Schönheiten
einem Rosse anzuhängen." (Hörisch, S. 132)
-
- "Hieraus und
aus vielen andern Umständen ließ sich vermuten, was
nicht lange nachher zu voller Gewißheit wurde, daß
die Vorstellung von Lebendigem und Totem, Beseeltem und Unbeseeltem,
von Organischen und Unorganischen, von Naturgegenständen
und Kunsterzeugnissen sich in seiner Kinderseele noch seltsam
durcheinander mische." (Hörisch, S. 134)
-
- "Die rote
Farbe, und zwar die recht schreiend rote, ging ihm über
alles [...]. -- [...] Wäre es ihm freigestellt worden, er
würde sich selbst und andere, denen er wohlwollte, von Kopf
bis zu Füßen in Scharlach oder Purpur gekleidet haben.
An der Natur hatte er, schon wegen der Grundfarbe ihres Gewandes,
des Grün, keinen gefallen. Sollte er sie schön finden,
so mußte man sie ihn durch ein rot gefärbtes Glas
ansehen lassen. [...] -- Seinen Lieblingstieren, den Pferden,
wünschte er nur noch einen Vorzug: statt der schwarzen,
braunen, weißen, die scharlachrote Farbe." (Hörisch,
S. 154-5)