Selbstbiographie (Erste Fassung, November 1828)
 
"[D]an hat mir dieser Mann das betten, gelehrt, die (das) wird er mir dreymal vorgesagt haben, (und es, er? mir vor gesagt habe, hat er gesagt durchstrichen) ich soll dieses recht merken, daß du schöne Roß bekommst, in dem großen dorf da ist dein Vater; der hat recht schöne Roß, und ein solcher Reiter kanst du auch werden; wie dein Vater gewesen ist [...].
Den ersten Tag wie ich aufwachte da bin ich auf gesessen, und da war es soll hell gewesen, ich wüßte nicht, wo ich bin, und habe sehr ville Schmerzen gehabt, und haben mir die augen sehr weh gethan, und ich habe imer nach meine Roß umgesehen und ich habe keine gesehen, da habe ich zum weinen angefangt [...].
[D]a waren mir sehr vielle trenen (durchstrichen) Trehnen aus den Augen gefloßen, da habe ich dieses alles sagen könen, was mir dieser Mann gesagt habe, da ich ein Reider (Reiter) werden soll, wie mein Vater ist, und schöne, Roß, bekome, und daß habe ich, ich zu den Man [Gefängniswärter Hiltel] gesagt [...]." (Hörisch, S. 92-4)
 
 
Ueber Kaspar Hauser's Leben--Von ihm selbst geschrieben (Selbsbiographie, zweite Fassung, Februar 1829)
 
"Jetzt fieng er an mir vorzusprechen:
'Ich möcht a söchäna Reiter wären, wie mei Vater gwän is.'
Diese Worte wiederholte er sehr oft: bis ich dieselben recht deutlich nachsprechen konnte.
Ich fieng an zu weinen, weil mir die Füße und der Kopf, besonders aber die Augen schrecklich wehe thaten, ich sagte: 'Roß', womit ich andeuten wollte, man sollte mich heim zu meinen Rossen führen.
[I]ch sagte: 'Roß ham', damit wollte ich sagen, warum thun mir die Augen und der Kopf so wehe, und bekomme so lange meine Roß nicht.
[...] Er hob mich auf und schleppte mich fort, und sagte: 'du mußt das Gehen recht merken', worauf er mir wieder neue Worte vorzusprechen anfieng. 'In dem großen Dorf da ist dein Vater, der giebt dir schöne Roß, und wenn du auch ein solcher Reiter bist, dann hole ich dich wieder.'" (Ebda., S. 101-6)
 
 
Hausers erstes Auftreten in Nürnberg. Von ihm selbst beschrieben
 
"Als der Herr Rittmeister nach Hause kam, weckte man mich auf, ich sah seine Uniform und seinen Säbel, ich erstaunte und freute mich daran und wollte, man solle mir ein solches glänzendes, schönes Ding geben. Ich sagte: 'Ich möcht a söchäna Reiter wern wie Vater is,' womit ich zu verstehen geben wollte, man solle mir ein solches glänzendes, schönes Ding geben.
[...] Ich wollte mich nach meinen Pferden umsehen und mit spielen, es war aber auch keines da, worauf ich sagte: 'I möcht ah a söchana Reiter wern, wie Vater is,' womit ich sagen wollte, wo sind die Pferde hin und das Wasser und das Brot. [...] Ich sagte: 'I möcht ah a söchana Reiter wern, wie Vater is,' womit ich sagen wollte: was ist denn dieses und wo sind denn die Pferde hin?
[...] Ich sah ihn [den Ofen] sehr lange an; ich sagte nochmal die nämlichen Worte, womit ich zu dem Ofen sagen wollte, warum denn meine Pferde solange nicht kommen. Ich war in der Meinung, die Pferde sind fortgegangen. Ich bekam auch den Gedanken, wenn die Pferde kommen, so sage ich, sie sollten nicht mehr fortgehen [...]. [...] Ich fing an zu weinen und sagte: 'I möcht ah a söchana Reiter wern, wie Vater is. Dahi weis, wo Brief highört.' Damit wollte ich sagen: warum es mir in den Augen so wehe tut?" (Ebda., S. 107-110)
 
 
Anselm von Feuerbach: Kaspar Hauser--Verbrechen am Seelenleben des Menschen. Ansbach 1832
 
"Dem die Haustür öffnenden Bedienten des von W. trat er, den Hut auf dem Kopf, seinen Brief in der Hand haltend, mit den Worten entgegen: 'ä sechtene möcht ih wähn, wie me Vottä wähn is'. Der Bediente fragte ihn: was er wolle? wer er sei? woher er komme? Aber der Fremde schien von allen Fragen keine zu verstehen, und es erfolgten immer nur die Worte: 'ä sechtene möcht ih wähn, wie me Vottä wähn is', oder 'woas nit!'" (Hörisch, S. 121)
 
"Unter allen Tieren war ihm das Pferd das schönste Geschöpf, und wenn er einen Reiter sein Roß tummeln sah, quoll seine Brust von dem Wunsche über: wenn er doch auch einmal so ein Roß unter sich haben könnte! Der Stallmeister zu Nürnberg, Herr von Rumpler, hatte bald die Gefälligkeit, diese Sehnsucht zu stillen; er nahm unsern Kaspar unter seine Schüler auf. Kaspar [...] hatte sich schon in der ersten Stunde die Hauptregeln und Elemente der Reitkunst nicht bloß gemerkt, sondern auch, nach den ersten Versuchen, sogleich angeeignet; und in wenigen Tagen war er bereits so weit, daß Scholaren, junge und alte, die schon mehrere Monate Unterricht genossen hatten, in ihm ihren Meister erkennen mußten. Seine Haltung, sein Mut, die richtige Führung des Pferdes setzten jedermann in Erstaunen, und er traute sich zu, was außer ihm und seinem Lehrer niemand zu unternehmen wagte. [...] -- Nachdem er sich einige Zeit lang geübt hatte, wurde ihm die Reitschule zu eng; er verlangte mit seinem Roß ins Freie [...]. Am liebsten hatter er mutige und harttrabende Pferde. Er ritt oft stundenlang ununterbrochen, ohne müde zu werden [...]. [...] Man könnte [...], aus der Pferdelust Hausers und seiner gleichsam instinktmäßigen Reitergeschicklichkeit, den nicht ganz unhaltbaren Schluß ziehen: er möge von Geburt einer Reiternation angehören." (Hörisch, S. 168-70)