Rainer Maria Rilke (1875-1926)
 
Der Knabe (1906)
 
Ich möchte einer werden so wie die,
die durch die Nacht mit wilden Pferden fahren,
mit Fackeln, die gleich aufgegangenen Haaren
in ihres Jagens großem winde wehn.
Vorn möcht ich stehen wie in einem Kahne,
groß und wie eine Fahne aufgerollt.
Dunkel, aber mit einem Helm von Gold,
der unruhig glänzt. Und hinter mir gereiht
zehn Männer aus derselben Dunkelheit
mit Helmen, die, wie meiner, unstät sind,
bald klar wie Glas, bald dunkel, alt und blind.
Und einer steht bei mir und bläst uns Raum
mit der Trompete, welche blitzt und schreit,
und bläst uns eine schwarze Einsamkeit,
durch die wir rasen wie ein rascher Traum:
Die Häuser fallen hinter uns ins Knie,
die Gassen biegen sich uns schief entgegen,
die Plätze weichen aus: wir fassen sie,
und unsre Rosse rauschen wie ein Regen.
 
 
 
 
Analyse
 
erschienen in der zweiten erweiterten Auflage des "Buchs der Bilder", vermutlich jedoch schon 1902/03 entstanden (Struve, 117)
im "Buch der Bilder" zwischen den Gedichten "Kindheit", "Aus einer Kindheit" und "Die Konfirmanden (Paris, im Mai 1903)"
im ersten Gedicht wird die Kindheit mit "Einsamkeit", "Trauer ohne Sinn", "Traum", "Grauen", "Tiefe ohne Grund", "Angst" und "Last" gleichgesetzt
gegen diese Kindheit reagiert "Der Knabe" mit der Forderung nach Integration und Macht
die Männerwelt,die er im Gedicht heraufbeschwört, setzt sich deutlich von der Welt der Mutter, mit ihrer Geborgenheit, aber auch mit ihrem Gefühl des Gefangenseins, das das Gedicht "Aus einer Kindheit" beschreibt, ab