III. Das Ich-Verständnis

 

Die Entwicklung des "Ichs" ist das Verstehen der Selbstidentität. Man schafft die Selbstidentitatät durch die mitmenschlichen Beziehungen, die man im Leben hat. Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich schreibt: "Sie (das Selbstbewußtsein und die Selbstverborgenheit) entwickeln sich beide nur an ihr (der Kultur) und man darf fortfahren, der Mensch selbst kann nur so zur wirklichen Erfüllung seines Wesens kommen wenn er sich innerhalb mitmenschlicher Beziehungen entwickeln darf." (Ödipus und Kaspar Hauser, S.2 )
Die Psychoanalytiker haben viele Definitionen für die Entwicklung des Ich-Verständnisses, aber alle erkennen die Bedeutung der Gesellschaft für die Entwicklung des Ichs. Der Psychoanalytiker Sigmund Freud definiert dieses Verständnis als die Entwicklung des "Ichs und Über-Ichs". Die Entwicklung wird durch den Kontakt mit der Gesellschaft geschaffen, da die Gesellschaft die Instinkte sublimiert. Insofern kann man das Konzept nicht ohne die Gesellschaft schaffen. Piaget betont die Gesellschaftsstrukturen, indem das Individuum sich in den existierenden Strukturen entwickeln muß. Eric Erikson beschreibt sechs Phasen der sozialen Entwicklung des Kindes. Das Kind entwickelt während der Pubertät eine Selbstidentität, wenn es mit Problemen umgehen muß.
Von den Psychoanalytikern erfährt man also, daß die Gesellschaft und mitmenschliche Beziehungen notwendig sind, um die Schaffung des Ich-Verständnisses zu erreichen. Die Philosophen des 19. Jahrhunderts bieten auch eine besondere Einsicht auf die Entwicklung des Menschen an. Kaspar konnte sich nicht in der Vereinsamung entwickeln. Da er wahrscheinlich im Alter von 3-4 Jahren in den Kerker gegangen ist, hatte er schon in seiner Kleinkindheit diese Bindungen und Beziehungen, die ihm später die Sozialisierung ermöglichten. Insofern ist er nicht wie ein wildes Kind (Viktor), das nie die Möglichkeit hatte und deshalb nicht das Sprechen oder die Kommunikation lernen konnte.

Kaspar und das Ich-Verständnis: Die Daumerzeit

Die Daumerzeit ist im Film die Selbstentwicklungszeit Kaspars. Kaspar war vom 18. Juli 1828 bis zum Januar 1830 bei Daumer.


Die Gartenszene ist eine Identitätsszene Kaspars, und sie hat eine Doppelbedeutung. Auf der einen Seite sieht Kaspar sich als Teil der Natur, als Teil der großen Welt (und nicht alsTeil der Gesellschaft). Er sieht seinen Namen, seine Identität als Mensch also, in Verbindung mit der Natur. Die Erkenntnis, daß man ein Teil zum etwas Höherem ist, ist der Anfang des Weltverständnisses eines Menschen.
Auf der anderen Seite ist die Szene ein Zeichen der Schöpfung. Kaspar versteht, daß etwas aus dem Nichts kommen kann. Während des Films gibt es viele Gespräche über Gott und die Schöpfung, die Kaspar nicht versteht. Kaspar versteht nicht, was er nicht physisch erlebt. Er versteht nur, was er sieht oder was er riecht, was eigentlich mit den Sinnen zu tun hat. Wie ein Kind hatte Kaspar bisher nicht die Fähigkeit entwickelt, aus sich selbst heraus zu kommen, die nur durch die Lebenserfahrung geschaffen ist. Der Name ist die Schöpfung der Selbstidentität Kaspars
Der andere Teil dieser Szene ist das Schreiben. Das Schreiben ist ein Selbstidentitätsakt, d.h. durch das Schreiben schafft Kaspar eine Selbstidentität. Der Name selbst ist auch schön geschrieben. Damit zeigt Herzog die innere Kreativität des Geistes und die Individualität Kaspars.

 

 

Kaspar sieht seinen Namen im Garten

Kaspar sieht seine Reflektion im Wasser Herzog benutzt das Wasser, damit Kaspar sich selbst spiegeln. Wie der Name im Garten ist das Wasser die Reflektion des Menschen in der Natur und das Verständnis der größeren Welt.
Herzog zeigt den Zuschauern auch in dieser Szene das Verständnis Kaspars des Subjekt-Objekt Verhältnisses. Die Schaffung der Subjekt-Objekt Beziehung ist für die Entwicklung des Selbsts notwendig. Erikson nennt die Beziehung "Self-awareness", wobei man sich als Objekt seiner Aufmerksamkeit nimmt. Man schafft sie, wenn man sich von sich distanziert hat.

Das Schreiben gehört zum Menschen. Insofern ist das Schreiben für Kaspar ein Zeichen seiner Fähigkeit, ein Mensch der Gesellschaft zu sein, da das Schreiben das Kommunikationsmittel des Menschen ist.
Die Autobiographie eines Menschen schafft auch die Subjekt-Objekt Beziehung. Man muß sich selbst als Objekt nehmen. Kaspar muß aus sich herauskommen, um über sich selbst zu schreiben. Die verschiedenen Varianten des Anfangs seiner Autobiographie zeigen Kaspars Schaffen eines Subjekt-Objekt Verhältnisses : "1. Kaspar Hauser ich will es selbst schreiben wie hart es mir ergangen hat. 2. Diese Geschichte von Kaspar Hauser, will ich selber schreiben. 3.Lebensgeschichte von Kaspar Hauser in Nürnberg. Welcher Erwachsene gedächte nicht mit trauriger Rührung an meine unschuldige Einsperrung für meine jungen Jahre, die ich in meiner blühtesten Lebenszeit zugebracht habe." ( Hörisch, S.113)

 Kaspars Lebensbeschreibung

Beschränkungen des Menschen durch die Gesellschaft

Sobald Kaspar in die Gesellschaft, in die Freiheit also, kam, wurde er wieder eingesperrt. Herzog stellt im Film den Mythos der Gesellschaftsfreiheit oder die individuelle Freiheit mit verschiedenen Bildern dar. Hier in der Jahrmarktszene sieht man Kaspar als "Wunderkind","Objekt der Gesellschaft". Es ist nicht sein Wille, da zu sein, und der Zuschauer soll die Ironie der Szene verstehen.

 

 Kaspar auf dem Jahrmarkt.

 Herzog benutzt auch Tiere, um die Einschränkungen durch die Gesellschaft zu zeigen. Tiere sind vom Menschen eingesperrt. Kaspar versteht sich im Film gut mit den Tieren, und die Einsperrung des Vogels gleicht der Einsperrung Kaspars in der Gesellschaft. Herzog zeigt wieder die Illusion der Freiheit in der Gesellschaft. Mitscherlich erwähnt auch die Freiheit der Gesellschaft als Ironie. Man ist nie von seiner Umwelt frei. Es gibt keine "Naturmenschen" oder Menschen ohne gesellschaftlichen Einfluß, da jeder Mensch immer von der Gesellschaft beeinflußt wird.  
 

 Der Vogel im Käfig

Das geistige Ich-Verständnis und Träume im Film

 

 Herzog kritisiert im Film die gesellschaftlichen Institutionen der Religion sehr. Kaspar glaubt im Film nicht an die Religion. Er versteht die Pfarrer nicht, als sie ihm Gott erklären, und er läuft einmal aus der Kirche. Herzog nimmt aber den geistigen Glauben als wichtig. Die menschliche Existenz ist mehr als die gesellschaftliche Erfahrung des Menschen. Nach dem Mordversuch an Kaspar sieht Kaspar den Himmel, der ein Zeichen ist, daß es einen geistigen Teil des Lebens gibt. Man muß auch diesen Teil des Lebens und des Ichs verstehen, um die Selbstidentität zu schaffen.

 

 Nach dem ersten Mordversuch an Kasper sieht er den Himmel  
   Das zweite Bild nach dem Mordversuch zeigt den Aufstieg einen Berg. Es gibt sehr viele Menschen, die nach ihrem Tod auf den Berg steigen. Kaspar sagt "Oben war der Tod." Solche abstrakten Ideen der Lebenserfahrung hatte er nicht, als er im Kerker eingesperrt war. Die gesellschaftliche Erfahrung und damit die Entwicklung des Ich-Verständnisses erlaubt dem Menschen abstrakte Ideen wie den Tod zu verstehen.

 "Oben war der Tod."
 

 Die Schaffung des geistigen Ich-Verständnis ist im Film von Herzog mit den Träumen verknüpft. Am Anfang seiner gesellschaftlicher Existenz verstand Kaspar den Unterschied zwischen den Träumen und der Wirklichkeit nicht. Am Ende des Films schafft er das Verständnis, daß ein Traum eine Geschichte sei.
Gerade bevor Kaspar stirbt, erzählt er eine Geschichte, die unbeendet ist. Er beschreibt eine Wanderung durch die Wüste, die von einem Blinden angeführt wird. Die Geschichte hat symbolische Bedeutung als ein Zeichen des Glaubens und ein Zeichen des Lebens. Die Menschen im Traum/in der Geschichte folgen einem blinden Mann. Das ist ein Symbol des Willens. Die Menschen vertrauen dem Führer der Karavane, obwohl er blind ist. Die Erzählung repräsentiert auch das Leben, weil sie unbeendet ist. Man weißt nicht, wie oder wann das Leben zu Ende gehen wird.

 Die unbeendete Geschichte Kaspars
 

 

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