Darstellungen des Kaspar-Hauser-Mythos in der Lyrik:

Pferd- und Reiter-Motive

 

Einleitung

 

Die folgenden Seiten beschaeftigen sich mit der Darstellung des Kaspar-Hauser-Mythos in der deutsch- und englischsprachigen Lyrik des 20. Jahrhunderts. Von den hunderten Erwaehnungen Kaspar Hausers in der modernen Lyrik habe ich acht Gedichte gewaehlt (obwohl Suzanne Vegas "Wooden Horse" ein Lied ist, zieht meine Analyse nur den Text--als Gedicht--in Betracht), in deren Mittelpunkt die Motive des Pferdes und des Reiters stehen.

 

Die Verbindung zwischen Kaspar Hauser und Pferden bzw. dem Reiter/Reiten laesst sich aus den Aufzeichnungen Kaspars, Georg Friedrich Daumers und Anselm von Feuerbachs, sowie aus der Vernehmung Hausers nach dem ersten Mordversuch folgendermaβen rekonstruieren:

 

In dem Verlies, in dem Kaspar vermutlich vom Alter von 2-3 Jahren bis zum 16. oder 17. Lebensjahr eingesperrt war, hatte dieser als einzige Spielzeuge zwei hoelzerne Pferde und einen hoelzernen Hund. Der Hund war schwarz, die Pferde weiss, davon hatte eines blaue, das andere rote Baender als Zierde. Die letztere Farbe wuerde Kaspar Hausers Lieblingsfarbe bleiben, neben weiss, die er mit Reinlichkeit und Lebendigkeit in bezug brachte. Auch nannte Kaspar lange Zeit jedwelches weisse Tier ein "Ross"--das eigentliche Wort, das Hauser fuer "Pferd" benuetzte.

 

Kaspars einzige Beschaeftigung im Gefaengnis war es deshalb, den Pferden die bunten Baender abzunehmen und wieder aufzulegen. Dieses tat er ohne sich daran zu erinnern, das Spielen jemals erlernt zu haben, sowie er keine Erinnerung daran hatte, jemals das Reiten erlernt zu haben. Trotzdem entwickelte sich Hauser nach Feuerbachs Angaben in einen bemerkenswert agilen Reiter in nur wenigen Tagen nachdem er das Reiten unter der Obhut des Stallmeisters von Nuernberg, dem Herrn von Rumpler, aufnahm.

 

Die zentrale Rolle, die Pferde in Kaspar Hausers Leben gespielt haben, ist unumstritten. Die Holztiere waren nicht nur seine einzigen Gefaehrten im Verlies, sondern auch die wichtigsten Referenzen in seinem Weltkonzept. Ihre Farben, Form und Benennung blieben wichtige Anhaltspunkte fuer Kaspar auch nach seinem Erscheinen in Nuernberg. Sowohl Kaspar, als auch Feuerbach bezeugen in ihren Schriften die Wichtigkeit des Wortes "Ross", das fuer den ansonsten sprachlosen Hauser die verschiedensten Gefuehle und Wuensche ausdruecken konnte. Feuerbach bemerkt in seiner Monographie:

 

Unter den vielen auffallenden Erscheinungen, die sich in den ersten Tagen und Woche an Kaspar zeigten, bemerkte man, dass die Vorstellung von Rossen, besonders von hoelzernen Rossen, fuer ihn von nicht geringer Bedeutung sein muesse. Das Wort 'Ross' schien in seinem Woerterbuch, das kaum ein halbes Dutzend Worte umfasste, den allegroessten Raum einzunehmen; dieses Wort wurde am allerhaeufigsten, bei den verschiedensten Gelegenheiten und Gegenstaenden, von ihm ausgesprochen, und zwar nicht selten unter Traenen, in wehmuetig bittendem Tone, als druecke er damit die Sehnsucht nach irgend einem Pferde aus. (Hoerisch, S. 132)

 

Auch blieben weisse Pferde fuer Hauser ein Masstab nicht nur fuer Schoenheit, sondern fuer alles Lebendige: "Zur Bezeichnung lebender Geschoepfe […] hatte er bloss zwei Worte […]. [J] edes ihm aufstossende Tier […] nannte er: 'Ross'. Waren solche Rosse weiss, so bezeigte er Wohlgefallen; schwarze Tiere erregten ihm Widerwillen oder Furcht" (Hoerisch, S. 131). Fuer Kaspar Hauser blieb das Verhaeltnis zwischen weiss und schwarz also die primordiale Antithese zwischen Gut und Boese, das weisse Pferd die Verkoerperung des Vitalen. Als solche bevorzugte er laut Feuerbach "mutige und harttrabende" Pferde (Hoerisch, S. 169), mit denen er die gewagtesten Reitereien unternahm.

 

Kaspars Entwicklung zum leidenschaftlichen Reiter brachte schnell den Verdacht mit sich, er haette frueher schon reiten gelernt, ja, er koennte deswegen "keiner Familie der ganz unteren Staende" angehoeren, sondern musste ein Sohn aus gutem Hause sein, der von Zuhause weggelaufen waere, um "gegen Wissen und Willen seiner Angehoerigen Kavallerist" zu werden (Hoerisch, S. 220 f.). Auch schien Kaspar dadurch den prophetischen Satz, den er als einzigen bei seiner Ankunft in Nuerenberg sprechen konnte, zu erfuellen.

 

Der genaue Wortlaut dieses so bekannten Satzes ist umstritten: Kaspars erste Selbstbiographie von 1828 gibt ihn lediglich als die Worte des Mannes, der Hauser nach Nuerenberg brachte ("[…] und ein solcher Reiter kanst du auch werden; wie dein Vater gewesen ist […]"), oder in indirekter Rede ("[…] da habe ich dieses alles sagen koennen […], da ich ein Reider (Reiter) werden soll, wie mein Vater ist […]") wieder. Erst die Selbstbiographie von 1829 praezisiert den Satz in direkter Rede: "Ich moecht a soechaena Reiter waeren, wie mei Vater gwaen is". Hausers erstes Auftreten in Nuernberg. Von im selbst beschrieben (wahrscheinlich aus demselben Jahr) gibt folgende Variante an: "Ich moecht a soechana Reiter wern, wie Vater is." Schliesslich erscheint der Satz in Feuerbachs Monographie ueber Kaspar Hauser (1832) ohne die Erwaehnung des Reiters: "Ae sechtene moecht ih waehn, wie me Vottae waehn is."

 

Feuerbachs Abweichung von der Fomulierung dieses nun fuer Kaspar Hauser symbolischen Satzes und Jochen Hoerisches Andeutung, dass das Wort "Reiter" eine Zufuegung sei (Hoerisch, S. 10), die wahrscheinlich mit dem Brief, den Kaspar bei sich trug, und der ihn als Sohn eines "Schwolische[n]" identifizierte, zusammenhaengt, stellen eine interessante Frage ueber die Perzeption des Kaspar Hauser sowohl von seinen Zeitgenossen, als auch von den im Folgenden besprochenen Lyrikern: Ist Kaspars Identitaet oder unsere Verstaendnis der Figur von derjenigen des Reiters abhaengig? Sind die wichtigen Referenzen "Ross" und "Reiter" ueberhaupt miteinander verbunden?

 

Die folgenden Gedichte beantworten diese Frage auf verschiedene Weisen. Bei einer ersten Gruppierung faellt z.B. auf, dass nur zwei der acht Gedichte sowohl das Motiv "Pferd" als auch das Motiv "Reiter" enthalten. Und die Untersuchung der "Reiter"-Gedichte ergibt, dass, mit der Ausnahme von Suzanne Vega, alle Lyriker den oben angesprochenen Satz nicht nur aus seinem Kontext herausgeholt, sondern auch bedeutend veraendert haben. Dadurch verselbststaendigt sich der Satz, ist nicht mehr die blosse Aussage einer historischen Person, sondern eine symbolische Aussage, die zwar auf diese Person bezug nimmt, aber auch auf das lyrische Ich und letztendlich auf den Lyriker:  Reiter und Pferd werden genauso zu Symbolen, wie Kaspar Hauser selber.  Ich werde im Weiteren versuchen, diese Symbole sowohl in bezug auf die historische Figur Kaspar Hauser als auch auf die verschiedenen Dichter zu analysieren.

 

 

Zum Aufbau der Seiten:

 

 Ich habe die acht Gedichte in zwei Motivgruppen aufgeteilt: "Pferd" und "Reiter". Rainer Maria Rilkes "Der Knabe" und Suzanne Vegas "Wooden Horse (Caspar Hauser's Song)" erscheinen in beiden Gruppen, die Eintragungen sind jedoch identisch (d.h. der Link fuer "Der Knabe" in der "Pferd"-Gruppe fuehrt zur selben Seite wie der Link fuer "Der Knabe" in der "Reiter"-Gruppe).

 

Die unterstrichenen Stellen (Links) innerhalb der Gedichte fuehren zu Stellen in den Primaerdokumenten oder in den literarischen Vorlagen, die meiner Meinung nach einen interessanten Vergleich abgeben. Es kommt mir dabei nicht darauf an, genaue Entsprechungen zwischen den Gedichten und den Dokumenten oder Vorlagen zu finden: der Vergleich soll nicht als Beweis dienen, dass der jeweilige Dichter die jeweilige Dokument- oder Romanstelle gelesen hat. Es kommt mir vielmehr darauf an zu sehen, welche Themen, Motive und sogar Bilder die Lyriker dem historischen oder literarischen Kaspar-Hauser-Stoff entnommen (ob direkt oder indirekt sei dahingestellt), wie sie diese veraendert/verarbeitet und welche sie dazugedichtet haben. Ausnahmen sind in den Gedichtanalysen vermerkt.

 

Fast alle unterstrichenen Stellen innerhalb der Einleitung, den Dokumenten, den Vorlagen und den Analysen fuehren zu ihren Quelltexten oder zu den Quellenangaben (die Ausnahmen sind Links zu weiteren Informationen). Die gesamten Quellenangaben sind auch ueber die Inhaltsverzeichnisseite zu finden.

 

 

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